STILLES LAND
Der Gedichtband „Stilles Land“ wurde
erstmals 1924 veröffentlicht und ist heute auch antiquarisch so gut wie vergriffen.
HEIMAT
Ein einsam verschneites
Haus,
und über ihm die Sterne –
es geht meine Sehnsucht so
gerne
noch heute drin ein und aus.
Das Feuer in seinem Herde
war das Licht meiner
Kinderzeit,
und die Erde war meine Erde,
von meinen Vätern geweiht.
Nun leb ich in fremden
Gauen,
ein heimatloser Vagant,
und werde sie nie wieder
schauen:
das Haus, den Herd und das
Land.
Durch des Hauses leere
Fenster
heult der nordische Wind,
und Schatten und Gespenster
seine Gesellen sind.
Nur meine Gedanken und
Träume
im erloschenen Herde glühn,
und schmücken die alten
Räume
mit frischem Tannengrün.
Das alles ist ferne, ferne.
Nur meine Sehnsucht geht
gerne
noch heute drin ein und aus.
Ein einsam verschneites Haus
–
und über ihm die Sterne…
BERGFAHRT
Weinend sank ins Grab der Zeiten
ferner Täler Lust und Weh.
Bergwärts in den ewigen Schnee
führt der Weg der Einsamkeiten.
Eine steingewordne Sage
ruhn die Gipfel riesengroß –
gottesnah und menschenlos,
wie am ersten Schöpfungstage.
Tot ist aller Wunsch und Wille,
Staub ist aller Erdensinn.
Nur der Geist vom Urbeginn
redet in der Tempelstille.
SEEFAHRT
Es gleitet des Lebens Nachen
weglos im Nebelgrau.
Ob wir träumen oder wachen,
keiner weiß es genau.
Die wütende Woge brandet
brüllend um Bug und Kiel.
Keiner weiß, wo er landet,
keiner kennt sein Ziel.
Bis wir in Nacht und Grauen,
wind- und wetterumweht,
mit Augen der Ewigkeit schauen
Den, der am Steuer steht.
DAS ANDERE UFER
Einmal wird ein Ende
aller Irrfahrt sein.
Müdgewordne Hände
ziehn die Segel ein.
Leise ruft der Rufer
allen Sturm zur Ruh.
Einem andern Ufer
treibt der Nachen zu.
Und die vor mir gingen
schauen nach mir aus,
um mich heimzubringen
in mein Vaterhaus.
Wortlos knie ich nieder
in den Silbersand:
nimm mich, nimm mich wieder,
seliges Sonnenland!