Die Totenfeier am Sarge des berühmten Anatomen und
Leiters des Physiologischen Instituts der alten Universität gestaltete sich zu
einer ergreifenden Huldigung der akademischen Kreise vor den Verdiensten des
großen Verstorbenen. Der Katafalk war mit Kränzen und seidenen Schleifen
behängt, in Lorbeer und Blumen gehüllt, brennende Wachskerzen umrahmten ihn,
und vor ihm waren auf samtenen Kissen die zahlreichen Orden ausgebreitet, die
der gelehrte Forscher mit berechtigtem Stolz getragen hatte. Zu beiden Seiten
der Bahre standen die Chargierten der Korporationen mit blanken Schlägern, und
neben den Angehörigen saßen der Senat der Universität in vollem Ornat,
sämtliche Professoren der Hochschule und die Vertreter der Behörden. Der Priester
hatte soeben seine Rede beendet, die allen tief zu Herzen gegangen war.
»Er war ein vorbildlicher Mensch und ein
vorbildlicher Gelehrter«, schloss er, »er war das eine, weil er das andere
war, denn ein großer Forscher sein, heißt ein großer Mensch sein. Wir stehen an
der Bahre eines ganz Großen, mit Trübsal in der Seele, weil er uns genommen
ist. Aber mitnichten sollen wir trauern und wehklagen; denn dieser große Tote
ist nicht tot, er lebt weiter und steht nun vor Gottes Thron im vollen Glanze
seines ganzen arbeitsreichen Lebens, wie es denn in der Schrift heißt: sie
ruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach!«
Alle schwiegen ergriffen, und es fiel auch
niemand auf, dass der Priester anscheinend eine Kleinigkeit vergessen hatte,
nämlich die, dass der große Tote, der nun vor Gottes Thron stehen sollte, sein
ganzes Leben lang für die Überzeugung eingetreten war, dass es gar keinen Gott
gäbe. Aber solche Kleinigkeiten werden bei Grabreden meistens vergessen.
Hierauf erhob sich der Rektor der Universität
mit der goldenen Amtskette um den Hals und sprach mit bewegter Stimme warme
Worte des Nachrufs für seinen berühmten Kollegen.
»Er war allezeit eine Zierde unserer alten
alma mater und eine Zierde der Wissenschaft, der er sein ganzes Dasein geweiht
hatte, ein Vorbild uns und allen, die nach uns kommen werden, denn auf ewig
wird sein Name in goldenen Lettern auf den Marmortafeln der menschlichen Kultur
glänzen. Ich kann in diesem ernsten und feierlichen Augenblick nur weniges aus
der Überfülle seines Geistes herausgreifen, nur andeuten, wie er unermüdlich an
unzähligen Tierversuchen Beweis auf Beweis gehäuft. Es ist nicht auszudenken,
welche unerhörten Perspektiven sich mit diesen völlig neuen medizinischen
Tatsachen der leidenden Menschheit und der Wissenschaft als solcher eröffnen. Nur nacheifern können wir dem gewaltigen
Forscher, der uns solche Wege gewiesen, und wir und die ihn bewundernde
akademische Jugend, der er ein Führer zu wahrem Menschentum war, wir wollen an
seiner Asche geloben, sein Lebenswerk fortzusetzen und auszubauen, zum Heile
der europäischen Wissenschaft und zur Ehre unseres geliebten Vaterlandes. Es
hat unserem großen Toten nicht an reicher Anerkennung gefehlt, wie wir dankbar
feststellen können, auch von allerhöchster Stelle sind ihm ehrenvolle Zeichen
der Huld zuteil geworden« - alle Blicke richteten sich staunend auf das
Samtkissen mit den Orden, die einige Pfund wogen - , »ja, noch kurz vor
seinem Tode ward ihm die Freude, zum Wirklichen Geheimen Medizinalrat mit dem
Prädikat Exzellenz ernannt zu werden, eine Ehrung, die mit ihm auch unsere
ganze Hochschule als solche empfunden hat. So reich aber sein Ruhm auch war,
noch reicher wird sein Nachruhm für alle Zeiten, und wir, die wir ihm
nachtrauern, wollen es ihm gönnen, dass er nun ruhe von seiner Arbeit, dass er
auf der Asphodeloswiese lustwandele mit den großen Geistern aller Zeiten, zu
denen ihn seine Werke erhoben haben, und so darf auch ich schließen mit den
Worten meines geistlichen Vorredners: Und ihre Werke folgen ihnen
nach!« Alle waren voller Andacht, teils vor der europäischen Wissenschaft
und teils vor dem Prädikat Exzellenz. Der Rektor Magnifikus hatte nur die
Kleinigkeit außer acht gelassen, dass die europäische Wissenschaft die
Asphodeloswiese eine Fabel nennt und von den großen Geistern der Vergangenheit
behauptet, dass sie sich in chemische Substanzen aufgelöst haben. Aber das sind
ja Kleinigkeiten, und es ist das Vorrecht der heute üblichen Bildung, ein
griechisches Wort zu gebrauchen für etwas, bei dem man sich nichts mehr denkt.
Wenn man überhaupt etwas denken wollte - du lieber Gott, wo käme man da hin bei
unserer heutigen Zivilisation und der europäischen Wissenschaft!
Der Vertreter des Staates erklärte, dass der Verstorbene eine Säule des modernen Staatswesens gewesen sei, und der Vertreter der Stadt sagte, dass der Magistrat einstimmig beschlossen habe, einer Straße den Namen des großen Toten zu verleihen. Der Kirchenchor sang ein Lied, es war ein altes Lied aus einer alten Zeit. Andere Menschen mit anderer Gesinnung hatten dies alte Lied geschaffen, und es nahm sich seltsam aus nach den tönenden Worten von heute. Sehr leise und überirdisch sang es wie mit fremden Stimmen durch den Raum: »Wie wird's sein, wie wird's sein, wenn wir ziehn in Salem ein, in der Stadt der goldenen Gassen...«
Dann sank der Sarg in
die Tiefe.
Der Tote hatte die ganze Zeit dabeigestanden. Ihm war, als habe sich eigentlich nicht viel geändert. Er erinnerte sich nur, einen sehr lichten Glanz gesehen zu haben, dann war alles wieder wie sonst, und er wusste kaum, dass er gestorben war. Nur leichter war alles an ihm, keine Schwere mehr und keine grobe Stofflichkeit. Ein großes Erstaunen fasste ihn - es gab also doch ein Fortleben nach dem Tode, die alte Wissenschaft hatte recht, und die neue hatte unrecht. Aber es war schöner so, und es beruhigte ihn sehr, obwohl es anfangs etwas quälendes hatte, dass er mit niemand mehr sprechen konnte, dass keiner seiner Angehörigen und seiner Kollegen merkte, wie nahe er ihnen war. Immerhin war es tröstlich, zu hören, wie man ihn feierte und dass man so zuversichtlich von Gottes Thron und von der Asphodeloswiese gesprochen hatte. Freilich - die Titel und Orden fehlten ihm, sie erschienen nicht mehr greifbar. Aber war er nicht immer noch der große Gelehrte, der berühmte Forscher? Hieß es nicht: und ihre Werke folgen ihnen nach? ...
Er war nun allein, die Umrisse des Raumes wurden dunkel und verschwammen ins Raumlose. Es war sehr still, nur ganz ferne verklang das alte Lied, kaum noch hörbar: Wenn wir ziehn in Salem ein - in die Stadt der goldnen Gassen...
Das würde nun erfolgen, vielleicht gleich. Eine große Spannung
erfüllte ihn; aber in dieser Spannung war etwas von Angst, etwas Unsagbares,
eine große bange Frage, die ihn ganz ausfüllte. Es war auch so dunkel geworden,
man konnte nichts mehr sehen.
Dann wurde es hell, und ein Engel stand vor ihm. Also auch das gab es. Dann würde es ja auch einen Gott geben und die vielen Toten, die lebendig waren, und das geistige Jerusalem. Wie schön war das alles! Aber der Engel sah ernst und sehr traurig aus.
»Wohin willst
du?« fragte er.
»Ins Paradies.«
»Komm!« sagte der Engel.
Große dunkle Tore öffneten sich lautlos, und
sie traten in einen Raum, der grell erleuchtet war. Die Wände waren blutrot,
und auf dem Boden hockten unzählige verstümmelte Tiere und wimmerten. Sie
streckten die zerschnittenen Glieder nach dem Toten aus und sahen ihn aus
geblendeten und erloschenen Augen an. Immer weiter, ins Unabsehbare, dehnte
sich ihre Reihe.
»Hier sind die Hündinnen, denen du bei lebendigem Leibe die Jungen herausgeschnitten hast. Hattest du keine Kinder, die du liebtest? Wenn deine Kinder sterben, und sie suchen den Vater im Paradies, so werden sie dich hier finden. Es ist das Paradies, das du dir geschaffen hast. Hier sind die Katzen, denen du das Gehör zerstört hast unter grässlichen Martern. Gott gab ihnen ein so feines Gehör, dass es ein Wunder der Schöpfung ist. Du wirst nichts mehr hören als das. Hier sind die Affen und Kaninchen, denen du das Augenlicht nahmst. Gott gab es ihnen, um die Sonne zu sehen. Sahst du nicht auch die Sonne dein Leben lang? Du wirst nun nichts mehr sehen als diese geblendeten und erloschenen Augen. Soll ich dich weiterführen? Es ist eine lange, lange Reihe.«
»Das ist entsetzlich«, sagte der Tote.
»Das ist es«, sagte der Engel.
»Leben denn alle diese Tiere weiter?« fragte der Tote.
»Alle diese Tiere leben bei Gott«, sagte
der Engel, »du kannst nicht dorthin, denn sie stehen davor und klagen dich
an, sie lassen dich nicht durch. Was du hier siehst, sind ihre einstigen
Spiegelbilder, es sind deine Werke, und sie bleiben bei dir. Du wirst alle ihre
Qualen an dir erfahren, bis du wieder zur Erde geboren wirst, um zu sühnen. Es
ist ein langer und trauriger Weg. Aber sie werden nicht deine einzigen Gefährten
sein. Du hast noch einen anderen, sie her, wer vor dir steht inmitten all
deiner Werke!«
Der Tote sah auf und erblickte ein scheußliches Gespenst mit einer menschlichen Fratze, in einem Gewand voll Schmutz und Blut mit einem Messer in der Hand.
»Das ist das Scheußlichste, was ich jemals sah«, sagte der Tote, und es packte ihn ein Grauen, wie er es noch nie erlebte. »Wer ist dieses Scheusal? Muss ich das immer ansehen?«
»Das bist du«, sagte der Engel.
»Aber die Wissenschaft?« fragte der
Tote angstvoll, »habe ich ihr nicht gedient? Gehöre ich nicht zu den großen Geistern,
auch wenn ich diese Taten beging?«
»Die großen Geister waren den Tieren Brüder
und nicht Henker«, sagte der Engel, »sie würden dir den Rücken kehren,
wenn du es wagen könntest, zu ihnen hinaufzugelangen. Aber du gelangst gar
nicht in ihre Nähe. Du warst eine Null und kein großer Geist. Du wusstest es
auch, dass du eine Null warst, du wusstest, dass dir nichts einfallen würde,
und darum hast du aus Eitelkeit all diese Greuel begangen, in der Hoffnung, der
Zufall könnte dir etwas von den Geheimnissen der Natur enträtseln, wenn du sie
folterst. Nachher kam die Mordlust, die Herrscherwut kleiner Seelen dazu.
Siehst du das alles? Du kannst es deutlich sehen an deinem Spiegelbild, es hat
getreulich all deine Züge aufgezeichnet. Bleibe bei ihm, wasche sein blutiges
und schmutziges Kleid, bis es weiß wird wie Schnee! Es kann tausend Jahre
dauern, vielleicht auch länger. Bleibe bei ihm, denn du kannst ihm nicht
entrinnen. Er ist dein Gefährte, und diese verstümmelten Geschöpfe Gottes sind
dein Paradies!«
»Das alles ist wahr«, sagte der
Tote, »aber auch wenn ich so dachte und tat, habe ich nicht doch eine
Erkenntnis gefördert? Tritt nicht doch die Wissenschaft für mich ein?«
»Eine Erkenntnis durch
Verbrechen?« fragte der Engel. »Erkenntnisse hatte die Wissenschaft
einst, als sie ein Tempel war. Ich will dir zeigen, wie eure Wissenschaft
heute aussieht.«
Ein hässliches gelbes Licht zuckte auf, und der Tote sah einen Narren sitzen, der mit blutigen Händen Kartenhäuser baute. Ein Luftstoß fegte sie um, aber der Narr baute immer weiter.
»Ist das
alles?« fragte der Tote und klammerte sich hilfesuchend an das Gewand des
Engels.
»Das ist alles«, sagte der
Engel, »lehrt eure Wissenschaft nicht auch, dass es keinen Gott und keine
Vergeltung und kein Leben nach dem Tode gibt? Ich muss nun gehen. Bleibe in
deinem Paradies!«
Der Tote blieb in seinem Paradiese und hatte
es vor Augen Stunde um Stunde, Tag für Tag und Jahr für Jahr. Es ist dies mit
einer Zeit nicht mehr zu messen, jedenfalls nicht wissenschaftlich, und das ist
doch das einzig maßgebliche, nicht wahr? Aus sehr weiter Ferne klang ein altes
Lied aus einer alten Zeit, kaum noch hörbar und verhallend: Wie wird's,
wie wird's sein, wenn wir ziehn in Salem ein, in die Stadt der goldenen
Gassen...
Vielleicht bedeutet dieses Lied noch etwas, denn wir müssen ja alle einmal sterben? Aber wer denkt heute daran, im Zeitalter der aufgeklärten europäischen Wissenschaft?
Die Zeitungen brachten
spaltenlange Nachrufe über den berühmten großen Forscher und Gelehrten, seine
Exzellenz den Wirklichen Geheimen Medizinalrat, dessen Tod einen unersetzlichen
Verlust für die Wissenschaft bedeute, dessen Name aber für alle Zeiten ein
Ruhmesblatt in der Geschichte der Menschheit bleiben würde, ein herrliches
Zeichen unserer fortschrittlichen Kultur und ein Denkmal allen kommenden
Geschlechtern, wie es die Besten vor ihm waren. Ehre diesen großen Toten!
Ja sie ruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach.
Aus:
"Das Manfred Kyber Buch"
| zurück |
| Einleitung & Übersicht |