Mittsommernacht
Die hellblaue Dämmerung der Mittsommernacht hatte sich
über Wald und Wiesen gebreitet, und die Fledermäuse waren fleißig
umhergeflattert und hatten es überall gemeldet, daß heute zur Sonnenwende die
Elfen im Elfenring tanzen würden. Und als die Nacht tiefblau geworden war und
die Sterne über ihr hingen wie goldene Ampeln, da traten die Elfen in den
Elfenring und faßten sich bei den Händen. Sie trugen Schleier von Spinnweb, und
in ihren hängenden Haaren saßen Leuchtkäfer und bildeten smaragdene Diademe im
Elfenhaar, wie sie kein Goldschmied der Welt hätte schmieden können. Die
Leuchtkäfer aber taten das ganz ohne Mühe und aus lauter Gefälligkeit. Viele
Tiere des Waldes, welche die Fledermäuse eingeladen hatten, waren gekommen, um
zuzusehen, denn der Tanz der Elfen in der Mittsommernacht ist etwas ganz
Besonderes. Die Welt harrt ja auf Erlösung, und zu jeder Sonnenwende fragt sie,
ob es die große Sonnenwende ist und ob es Tag wird um Balders Bahre.
Es waren seltene Gäste unter den Tieren, und ein
Einhorn und ein Bär wurden besonders bestaunt, die in grauen Zeiten hier im
Walde gelebt hatten und nun im Geisterlande wohnten. Aber heute waren sie
gekommen, denn in der Mittsommernacht verschwistern sich alle Welten, alle
Geheimnisse von Gottes Schöpfung reden und werden sichtbar dem, der hören und
sehen kann. Die Menschen können das nicht mehr, seit Balder von Loki getötet
wurde, und seitdem sind die Menschen böse geworden zu den Tieren und zu den
Märchenwesen. Aber es wird eine Wacht gehalten an Balders Bahre, und einmal
wird er erwachen im Morgenlicht zur Sonnenwende, und darauf wartet die Welt.
Die Fledermäuse hatten sich, erschöpft von den vielen
Einladungen, an den Ästen der Bäume aufgehängt, mit dem Kopf nach unten, so daß
sie bequem zuschauen konnten. Auf der Spitze einer Tanne aber hockte ein
Rabenrat von drei Raben, der immer »krah« sagte, und darum war er sehr beliebt,
denn man hielt das stets für eine Zustimmung. Die Rabenräte, die nur »krah«
sagen, sind ja auch anderswo eine sehr geschätzte Einrichtung. Die Pilze waren
geradezu zahllos erschienen, denn die Pilze sind neugierig und erscheinen bei
allen solchen Festlichkeiten, obwohl es ihnen große Mühe macht, auf ihren
kurzen Beinen heranzuwackeln. Sie stören eigentlich sehr, denn alle müssen
darauf achten, sie nicht zu treten, weil sie so viele sind und einer kleiner
ist als der andere.
»Du frierst doch nicht?« fragte eine Elfe einen alten
Stein, der nahe am Elfenring stand und sich den Moosrock sorgsam enger zog.
»Nein, vielen Dank, ich friere nicht«, sagte der alte
Stein, »wenn man viele tausend Jahre die Nebel der Erde um sich herum gehabt
hat, friert man nicht mehr so leicht. Auch schaffen wir uns ja, wenn wir älter
werden, die warmen Moosröcke an. Aber es krabbelt so sonderbar auf meinem Rücken
und auf meinem Kopf, darum zog ich mir den Moosrock und die Moosmütze fester.«
Die Elfe guckte hin. Auf dem Kopf des alten Steines
saß ein Igelkind und schnullte an der Pfote.
»Es ist bloß ein Igelkind«, sagte die Elfe, »tu die
Pfote aus dem Mund, Kleiner.«
»Die Feier im Elfenring beginnt!« rief die
Elfenkönigin und schwang eine blaue Glockenblume als Zepter.
»Krah«, krächzte der Rabenrat beifällig und putzte
sich die Federn.
Das Igelkind sah die Elfenkönigin an. Sie gefiel ihm
über alle Maßen, und es beschloß, sich bald mit ihr bekannt zu machen.
»Pfui«, sagte die Elfenkönigin, »wer ist denn das?«
»Pfui«, riefen die Elfen, »mit dem wollten wir nicht
tanzen.«
»Den haben wir auch gar nicht eingeladen«, meinten die
Fledermäuse und raschelten erbost mit den Flughäuten.
»Das ist der Zauberer Zitterzipfel«, sagte ein
Eichhörnchen, »ich kenne ihn, denn ich werfe ihm manchmal Tannenzapfen auf den
Kopf.«
Auf der grünen Wiese saß der Zauberer Zitterzipfel,
ein langes, dürres, gelbes Scheusal mit einem hohen, lächerlichen Hut, und
rührte mit dem Kochlöffel in einer Suppenschüssel.
»Zitterzipfel«, fragte die Elfenkönigin,
»Zitterzipfel, was ist das für ein alberner Hut, den du auf dem Kopf hast?«
»Das ist der Hokuspokushut meiner Wissenschaft, und er
ist bei den Menschen sehr geschätzt«, sagte der Zauberer Zitterzipfel.
»Zitterzipfel«, fragte die Elfenkönigin,
»Zitterzipfel, was ist das für eine eklige Suppe, in der du rührst?«
»Das ist meine Giftsuppe, die ich immer rühre, und sie
ist bei den Menschen sehr beliebt«, sagte der Zauberer Zitterzipfel.
»Zitterzipfel«, sagte die Elfenkönigin, »wir sind hier
nicht bei den Menschen, und wir machen uns gar nichts aus dem Hokuspokus deiner
Wissenschaft und aus deiner ekligen Suppe.«
»Immer wenn Sonnenwende gefeiert wird, kommt irgend
solch ein Zauberer Zitterzipfel, wackelt mit seinem Hokuspokushut und rührt
seine Giftsuppe dazu«, murrten die Tiere, »Zitterzipfel soll machen, daß er
fortkommt. Hier geht es anständig zu, wir sind hier nicht unter Menschen.«
»Zitterzipfel«, sagte die Elfenkönigin, »du hörst, daß
du hier nicht beliebt bist. Wir haben dich auch nicht eingeladen. Mach, daß du
fortkommst.«
Aber der Zauberer Zitterzipfel blieb sitzen. Er
wackelte mit dem Hokuspokushut seiner Wissenschaft und rührte emsig in seiner
Giftsuppe herum. Die Zitterzipfels sind überaus zähe Leute. Es ist ihnen ganz
gleich, ob man sie eingeladen hat oder nicht. Sie kommen überall hin und rühren
ihre Giftsuppen.
Der Bär brummte, und das Einhorn bewegte sein Horn
bedenklich hin und her.
»Wir wollen uns nicht um Zitterzipfel kümmern«, rief
die Elfenkönigin, »mag er seine giftige Suppe rühren, wo er will. Kommt, wir
wollen den Elfenring schließen und den Elfenreigen tanzen! Wer will heute mein
König sein für eine blaue Mittsommernacht?«
Alle schwiegen, denn das war eine große Ehre, und es
wagte sich niemand zu melden. Bloß dem Igelkind schien nun der richtige
Augenblick gekommen, um sich mit der Elfenkönigin bekannt zu machen.
»Ich will dein König sein!« rief es und sah die
Elfenkönigin aus seinen schlauen Äuglein liebevoll an.
Die Elfenkönigin schaute auf das Igelkind und lachte.
»Tu die Pfote aus dem Mund, Kleiner«, sagte sie.
»Dich werde ich gleich in meine Giftsuppe stopfen«,
sagte der Zauberer Zitterzipfel und streckte den dürren, langen Arm nach dem
Igelkind aus, »solche Versuche sind die vornehmste Beschäftigung der
Zitterzipfels, und davon haben sie ihre große Hokuspokuswissenschaft.«
»Untersteh dich!« riefen die Elfen und stellten sich vor
das Igelkind.
»Fort mit dem Zitterzipfel!« befahl die Elfenkönigin.
In demselben Augenblick stürzten sich der Bär und das
Einhorn auf den Zauberer Zitterzipfel. Das Einhorn stieß ihn mit dem Horn vor
den Bauch, daß er umfiel und die Giftsuppe verschüttete, und der Bär ohrfeigte
ihn und drückte ihm mit den Tatzen den Hokuspokushut ein. Und als der hohe Hut
in sich zusammenfiel, da sah man es deutlich, daß er eigentlich bloß eine
künstlich aufgeblasene Zipfelmütze war, und das erlebt man bei allen
Hokuspokushüten, wenn man sie bloß richtig anfaßt. Darum soll man das immer
eifrig tun, denn wir haben viel zu viele aufgeblasene Zipfelmützen in der Welt.
Der Zauberer Zitterzipfel zitterte am ganzen Leibe vor
Wut. Aber er setzte sich wieder auf die grüne Wiese vor dem Elfenring und blieb
dort sitzen. Die Zipfelmütze blies er wieder sehr kunstvoll auf und stopfte den
Kochlöffel in die Suppenschüssel. Bloß die Giftsuppe war ausgeronnen, und das
tat ihm sehr leid. Er spuckte aber mit Überzeugung in die Schüssel, um das
wieder zu ersetzen. Die Zitterzipfels sind überaus zähe Leute. Man kann sie vor
den Bauch stoßen, wie oft man will, und man kann ihnen den hohen Hokuspokushut
ihrer Wissenschaft eintreiben, sie bleiben sitzen und spucken und rühren weiter
in ihrer ekligen Giftsuppe. Sie werden wohl erst verschwinden, wenn die große
Sonnenwende kommt und Balder erwacht.
»Der Bär soll mein König sein!« rief die Elfenkönigin,
»für die Ohrfeigen, die er Zitterzipfel gegeben hat, und weil er ihm seinen
albernen Hut vom Kopfe schlug. Der Bär soll mein König sein für diese blaue
Mittsommernacht!«
»Krah«, sagte der Rabenrat und schlug begeistert mit
den Flügeln, und alle Pilze schrien: »Hoch!«
Der Bär lächelte, daß seine Mundwinkel bis an die
Ohren reichten.
»Viel Ehre, viel Ehre«, murmelte er, »darauf habe ich
nicht gerechnet, ich war ja eigentlich nur hierhergekommen, um mich ein wenig
zu zerstreuen.«
»Komm zu mir, Meister Petz!« sagte die Elfenkönigin.
Da trottete der Bär zur Elfenkönigin und setzte sich neben sie, und sie krönte
ihn mit einer kleinen, goldenen Krone zu ihrem König für eine blaue
Mittsommernacht. Das Krönlein war so klein, daß es beinahe im Fell des Bären
verschwand.
»Es wird schon halten in deinem dicken Pelz, Meister
Petz«, sagte die Elfenkönigin und küßte den Bären mitten auf die Schnauze.
Der Bär beschnupperte sie voller Zärtlichkeit und
flüsterte ihr Schmeicheleien ins Ohr, denn die hört auch eine Elfenkönigin
gerne, und die versteht auch ein Bär in der Mittsommernacht zu sagen.
Da flammte ein Wetterleuchten auf in der Ferne, in
grünen and blauen Flammen.
»Nun schlingt den Elfenreigen im Elfenring!« rief die
Elfenkönigin und schwang ihr Glockenblumenzepter.
Die Elfen faßten sich bei den Händen und schlossen den
Elfenring. Mit den funkelnden Diademen von Leuchtkäfern im hängenden Haar und
im Wetterleuchten der grünen und blauen Flammen tanzten sie beim fernen
Donnergrollen und sangen das uralte Elfenlied dazu:
Da lohte ein blendender Blitz auf, der Donner dröhnte,
als ob Himmel und Erde bebten, der Waldgrund im Elfenring wurde klar wie grünes
Glas, und aus ihm leuchtete der heilige Hort aus dem Jugendland der Welt
hervor, mit schimmernden Schalen von Edelsteinen und den blanken Waffen von
Walhall.
Die Elfen verstummten, die Tiere neigten sich, und das
Einhorn kniete nieder vor dem leuchtenden Hort.
»Vor abertausend Jahren habe ich diesen Schatz
gesehen«, sagte es, »ich sah, wie sie die schimmernden Schalen füllten am
Altar, und ich sah, wie sie diese Königskronen trugen und die blanken Waffen
von Walhall. Balder starb, und die heiligen Horte versanken. Aber nun wird es
wieder Licht werden um Balders Bahre.«
Der Zauberer Zitterzipfel war verschwunden. Er hatte
sich in Dunst aufgelöst und mit ihm der Hokuspokus seiner Wissenschaft. Die
Zitterzipfels sind überaus zähe Leute. Sie kommen überall hin, wo man sie nicht
eingeladen hat, und wenn man sie auch vor den Bauch stößt und ihnen den
Hokuspokushut vom Kopfe schlägt, daß er zur Zipfelmütze wird – sie bleiben
ruhig sitzen und rühren weiter in ihrer Giftsuppe. Aber die schimmernden
Opferschalen aus dem Jugendland der Welt und die blanken Waffen von Walhall
können sie nicht ertragen. Dann lösen sie sich in Dunst auf, denn daraus sind
sie geboren samt ihrer ganzen Hokuspokuswissenschaft.
Oben auf dem Gipfel des grünen Hügels aber stand Frau
Freya. Sie breitete die Arme weit in die Mittsommernacht, und ihr zu Füßen
saßen ihre wundervollen Katzen und schauten mit smaragdnen Augen auf den
leuchtenden Hort aus dem Jugendland der Welt.
Die Elfenkönigin senkte ihr Zepter der blauen
Glockenblume.
»Nun ist die große Sonnenwende gekommen«, sagte sie,
»wir alle können erlöst werden, und die Menschen werden wieder zurückgerufen in
das Jugendland der Welt, zur Geschwisterschaft mit den Tieren und Märchenwesen,
zum Garten, der einmal war. Aber wer wird uns helfen, wer wird die Opferschalen
füllen und die Waffen von Walhall wieder aufnehmen?«
»Es gibt noch Menschen, die Lichtwaffen tragen«, sagte
der Bär. »Heute bin ich ja nur im Urlaub hierhergekommen, um mich ein wenig zu
zerstreuen. Aber sonst geleite ich eine Menschenseele, die Lichtwaffen führt,
und helfe sie betreuen mit meinen Tatzen. Ich will gehen, um ihr von dieser
Mittsommernacht zu erzählen und ihr zu sagen, daß sie nicht mehr so allein
steht und daß die große Sonnenwende gekommen ist.«
Und der Bär küßte die Elfenkönigin und verschwand im
Walde. Auch die anderen Tiere wandten sich langsam ab und wanderten hinaus in
den Wald, um es überall zu erzählen, daß der heilige Hort aus dem Jugendland
der Welt wieder emporgetaucht sei und daß es wieder Licht werde um Balders
Bahre. Auch der Rabenrat sagte »krah« und löste sich auf. Der Morgen graute,
die Leuchtkäfer erloschen im Elfenhaar, die Elfen schwebten in den grünen
Tannengrund hinaus, und leise verklang ihr Lied in der Feme:
Frau Freya aber stieg vom Hügel herab mit ihren
Katzen. Sie stellte sich vor den heiligen Hort und wartete auf die Sonne.
Dem Igelkind gefiel Frau Freya über alle Maßen, und es
beschloß, sich bald mit ihr bekannt zu machen.
»Nun kommt, die ihr berufen seid«, rief Frau Freya,
»füllt wieder die Opferschalen und tragt die Waffen von Walhall!«
»Das will ich gern besorgen«, sagte das Igelkind und
sah Frau Freya aus seinen schlauen Äuglein liebevoll an.
Frau Freya neigte sich tief zum Igelkind hinab.
»Tu die Pfote aus dem Mund, Kleiner«, sagte sie.
Da ging die Sonne auf, und Frau Freyas Katzen
schnurrten.
Die Sonne durchlichtete den alten, heiligen Hort aus
dem Jugendland der Welt mit ihren vergotteten Strahlen, und die Sonnenkräfte
füllten die schimmernden Schalen von Edelstein und weihten die blanken Waffen
von Walhall. Denn die Zeit der großen Sonnenwende ist gekommen, und es wird
wieder Licht werden um Balders Bahre.
Aber erst wird ein Gewitter heraufziehen, um die Welt zu reinigen, mit Blitz und Donner, daß Himmel und Erde beben!
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