Der Meisterkelch
Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, da stand
eine einsame kleine Glashütte tief drinnen im Schwarzwald. Sie lag ganz
verborgen im grünen Tannengrund, und nur selten kam eines Menschen Fuß in ihre
Nähe. Aber der Glasschleifer, der in ihr lebte, war nicht allein. Die Tiere des
Waldes waren um ihn, und die ewigen Sterne standen über ihm, und wenn nachts
der Feuerschein der Glashütte durch die dunklen Tannenzweige lohte, so sah man
die Elfen tanzen in weißen Schleiern und mit Kronen von Edelstein im Haar.
Auch die Wurzelwatschel kam häufig an der Hütte
vorüber, guckte hinein und sagte guten Abend. Die Wurzelwatschel war ein
graues, unscheinbares Weibchen mit einem Gesicht wie ein verschrumpfter Apfel.
Sie ging im Walde spazieren und gab den Elfen, den Tieren und den Pilzen gute
Ratschläge. Wovon sie lebte, wußte man eigentlich nicht. Nur selten aß sie
einmal eine Wacholderbeere, und das stärkte sie schon erheblich. Wenn der
Winter kam, setzte sie sich hin und fror einfach ein, und im Frühling taute sie
wieder auf und ging dann sofort spazieren. So lebte sie mit den Keimen in der
Erde und kam mit den ersten Knospen und Blüten wieder hervor, und darum kannte
sie alle Wurzeln des Lebens und alle lichten und dunklen Kräfte der Welt.
In der einsamen Glashütte aber wohnte der
Glasgießer und Glasschleifer sehr still für sich. Er mischte selber die heiße
Glasmasse, blies oder goß sie in Formen und schliff die Gläser, so gut er es
vermochte. Denn es war vor vielen, vielen Jahren, als ein Mensch noch ein
ganzes Werk mit seinen beiden Händen schuf, und nicht wie heute, da sich
hundert Hände an hundert Teilen regen. Es war bescheidene Ware, die der
Glasschleifer fertigte, und der Händler, der manchmal in der einsamen Glashütte
vorsprach, zahlte nicht allzuviel dafür. So war der Glasschleifer arm
geblieben, aber er hatte sein Brot und lebte bescheiden davon und konnte auch
des Sonntags ins Dorf gehn, um zu feiern.
Oft sehnte er sich freilich nach einem besseren
Leben, und noch mehr träumte er davon, daß er einmal ein Meister werden und so
herrliche Kelche schleifen könne, daß die Kenner aus ihnen trinken und bei
ihrem Zusammenklingen seinen Namen nennen würden.
„Du wirst vielleicht noch ein Meister werden“,
sagte dann die Wurzelwatschel zu ihm, „aber das ist ein gutes Stück Arbeit und
ein weiter Weg. Man muß zu den Wurzeln des Lebens gehen und durch die dunklen
und lichten Kräfte der Welt.“
Dem Glasschleifer war es nicht sonderlich recht,
das zu hören, denn er hoffte immer, es möge sich ein leichterer und bequemerer
Weg zur Meisterschaft finden lassen, und so denken viele, die keine Meister
geworden sind.
„Ich lebe doch tief drinnen im grünen Tannengrund“,
sagte der Glasschleifer, „und die Sterne stehen über mir. Da ist es gewiß
möglich, daß sich ein Wunder ereignet und mir die fertige Meisterschaft
schenkt.“
„Die Meisterschaft ist immer ein Wunder“, sagte die
Wurzelwatschel, „und wer sie gewinnen will, muß den grünen Tannengrund lieben
und die Tiere und Blumen, und die Sterne müssen über ihm stehen und über seinem
Werk. Aber geschenkt wird die Meisterschaft keinem, der nicht zu den Wurzeln
des Lebens gegangen ist und durch die dunklen und lichten Kräfte der Welt.“
„Wir wollen sehen, wer recht behält“, sagte der
Glasschleifer und fachte das Feuer an, daß es weit durch den Tannengrund lohte,
„ich will die Geister rufen, die mir die Meisterschaft schenken sollen.“
Als aber die Nacht kam und der Glasschleifer vor
dem Feuer seiner Glashütte kniete, geschah es, daß auf einmal die gläserne Frau
vor ihm stand. Denn die gläserne Frau ist einer von jenen Geistern, die sehr
bald kommen, wenn man sie ruft. Die gläserne Frau war sehr schön, und sie trug
ein Königsgewand aus leuchtendem, biegsamem Glase und eine Krone von Glas auf
dem Haar.
„Du willst ein Meister werden?“ fragte die gläserne
Frau und lachte. Und wenn sie lachte, klang es, als ob Glas zerspringt, feines,
dünnes Glas.
„Ja, das will ich gerne, wenn es nicht allzu schwer
ist“, meinte der Glasschleifer.
„Es ist gar nicht schwer“, sagte die gläserne Frau,
„wenn du mir folgen und mir gehören willst. Komm mit mir in meinen Glaspalast,
dort will ich dich lehren, Kelche zu schleifen, wie nur ein Meister sie
schleifen kann, und wir wollen zusammen goldenen Wein aus den geschliffenen
Kelchen trinken. Nur mußt du mir versprechen, nicht des Nachts aus meinem
Palast zu gehen und die Sterne über dir zu schaun. Auch darfst du niemals einen
Kelch bis zur Neige leeren, sondern mußt dir immer aus einem neuen Kelche den
goldenen Wein von mir kredenzen lassen.“
„Das will ich gern versprechen“, sagte der
Glasschleifer, „es erscheint mir leicht, das zu erfüllen, und der Weg zur
Meisterschaft ist nicht so schwer, wie die Wurzelwatschel sagte.“
Da lachte die gläserne Frau wieder, und es klang,
als ob Glas zerspringt, feines, dünnes Glas.
„Komm herab“, sagte sie und nahm den Glasschleifer
bei der Hand.
Der Boden öffnete sich, eine verborgene Treppe
wurde sichtbar, und auf ihren Stufen führte die gläserne Frau den Glasschleifer
in ihren Glaspalast hinunter.
Im Glaspalast waren alle Wände und Dielen, alle
Stühle und Tische von lauterem Glas, und es blitzte von allen Seiten in tausend
Lichtern. Es war eine flammende Pracht überall, wie sie sich der Glasschleifer
nie hatte träumen lassen. Im Königssaal aber stand ein gläserner Thron, und auf
ihn setzte sich die gläserne Frau neben den Glasschleifer und küßte ihn. Ein
Hofgesinde von jungen, schönen Frauen umgab sie, und sie tranken goldenen Wein
aus geschliffenen Kelchen.
„Aus diesen Kelchen trinkt man den Zauber der
Stunde“, sagte die gläserne Frau, „aber man darf sie nie bis auf die Neige
leeren. Solche Kelche sind sehr gesucht in der Welt draußen, und die Menschen
bezahlen viel, um sie zu bekommen. Mir aber liegt daran, daß recht viele meiner
Kelche in die Welt gelangen und daß recht viele Menschen aus ihnen trinken.
Dann sehn sie die Sterne über sich nicht mehr, die mir feindlich sind.“
„Und wie werden diese Kelche geschliffen, schöne
Königin?“ fragte der Glasschleifer, „es ist das Geheimnis dieser Meisterschaft,
das du mich lehren wolltest.“
„Die Meisterschaft ist keine schwere“, sagte die
gläserne Frau, „meine Zwerge gießen und blasen die Kelche aus den dunklen Kräften
der Welt und schleifen sie in tausend sich brechenden Lichtern mit lauter
kalten Gedanken. Ich selbst aber mache zuletzt mein Zeichen darauf, und daraus
trinken alle den Zauber der Stunde. Schau her!“
Da sprangen zwei riesige Türen auf, und der
Glasschleifer sah einen großen, dunklen Saal, in dem schwefelgelbes Feuer lohte.
Um das Feuer herum aber standen lauter Zwerge, wie aus dunklem Glase gegossen.
Es waren keine Lichtgestalten wie die Elfen auf dem Wiesenrain. Sie rührten die
Glasmasse und gossen die Gläser und schliffen sie mit seltsamen, scharfen
Werkzeugen, bis sie in tausend kalten Lichtern blitzten.
„Siehe“, sagte die gläserne Frau und nahm einen
herrlich geschliffenen Kelch aus der dunklen Werkstatt in ihre Hände, „ich
mache nun mein Zauberzeichen darauf, und es ist wieder ein Kelch fertig, wie
wir ihn tausendmal trinken. Aber meine Macht reicht nicht aus, diese Kelche ins
Menschenland hinauszusenden, und darum muß ich einen Menschen finden, der mir
seinen Namen und seine Seele dafür schenkt. Nur mit diesem letzten Schliff kann
ich die Kelche in die Welt gelangen lassen, so daß die Menschen den Zauber der
Stunde daraus trinken und die Sterne über sich nicht mehr sehen. Ich kann das
nicht, aber dir ist es ein leichtes. Dann bist du ein Meister geworden, und die
Menschen, die aus diesen Kelchen trinken, werden bei ihrem Zusammenklingen
deinen Namen nennen. Ich aber küsse dich dafür in meinem Glaspalast bei Tag und
Nacht.“
„Ich dachte es mir, daß die Meisterschaft ein
leichtes sein müsse, wenn man sich mit den richtigen Kräften verbindet“, sagte
der Glasschleifer, und er küßte die gläserne Frau und schliff seinen Namen in
ihre schimmernden Kelche, voller Stolz darauf, daß sie diesen Namen
hinaustragen sollten in alle Welt.
So verging eine lange Zeit, und die gläserne Frau
und der Glasschleifer tranken goldenen Wein aus ihren Kelchen im Zauber der
Stunde und schliffen viele schimmernde Kelche für das Land der Menschen, die
voller Sehnsucht auf diese Kelche warten.
„Wir haben nun genug“, sagte die gläserne Frau, „es
ist an der Zeit, daß du diese Kelche hinausträgst in die Welt und sie unter die
Menschen gelangen. Heute wird der Händler an deiner Glashütte vorüberkommen.
Trage die Kelche hinauf und gib sie ihm, wenn er nach deiner Ware fragt. Er
wird dir viel Gold dafür bieten. Dann denke nicht, daß es nutzlos für uns sei,
weil wir hier alle Schätze der Erde haben und in der Pracht unseres Palastes
leben. Es ist ein besonderes Gold, das dir der Händler gibt, und mir ist viel
daran gelegen, denn an diesem Golde hängt etwas von den Seelen der Menschen.
Geh nun hinauf in deine Glashütte. Aber komme wieder, ehe es Nacht wird, damit
du die Sterne nicht über dir siehst.“
Da trugen sie die Kelche in die Glashütte hinauf,
und der Glasschleifer setzte sich davor und wartete auf den Händler.
Es kam ihm seltsam vor, nach so langer Zeit den
grünen Tannengrund wiederzusehen, die Tiere, die Blumen und die Pilze, und
wieder in der ärmlichen Glashütte zu sitzen, statt in dem Palast der gläsernen
Frau. Er freute sich, das alles wiederzusehen, und freute sich doch nicht
darüber.
Da kam eine kleine Elfe und guckte zum Fenster
herein. „Das sind hübsch geschliffene Gläser, aber Kelche der Kunst sind es
nicht. Wer aus ihnen trinkt, wird sich nicht nach einem weißen Elfenschleier
sehnen. Uns hast du nicht damit erlöst.“
Auch die Tiere des Waldes kamen, wie früher, zur
Glashütte und schauten sich die neuen Werke an.
„Kalte Kristalle sind das“, sagten sie, „aber
Kelche des Lebens sind es nicht. Wer aus ihnen trinkt, wird die Tiere nicht
lieben lernen und den grünen Tannengrund. Uns hast du nicht damit geholfen.“
Und ein Eichkätzchen warf ihm sogar eine hohle Nuß
vor die Füße und lachte dazu.
Auch die Wurzelwatschel kam und besah sich alles
genau von allen Seiten.
„Eine geschickte Arbeit“, sagte sie, „aber
Meisterwerke sind es nicht, und du bist kein Meister geworden.“
Und die Tannenzweige rauschten dazu, die Blumen
nickten im Winde, und die Pilze wackelten sehr bedenklich mit den Köpfen, denn
alle waren der gleichen Meinung wie die alte Wurzelwatschel. Das verdroß den
Glasschleifer, und er war traurig geworden.
Inzwischen kam der Händler mit seinem Wagen und besah
sich die neue Ware. Sein Pferd aber wandte den Kopf weg, denn auch ihm gefielen
die Kelche nicht.
„Das ist eine weit wertvollere Ware, als Ihr sie
sonst gehabt habt“, sagte der Händler, „und ich kann Euch viel Geld dafür
geben. Denn die Menschen suchen eifrig nach solchen Kelchen und sehnen sich
sehr danach. Solche Kelche sind zwar nicht selten, aber da sie allzu leicht
zerspringen, so brauchen die Leute immer wieder neue, weil sie so gerne daraus
trinken. Ihr habt sonderbare Fortschritte gemacht in der Zeit, seit ich nicht
hier war.“
„Sind es nun Meisterwerke und bin ich ein Meister
geworden oder nicht?“ fragte der Glasschleifer, denn hieran war ihm vor allem
gelegen. Den goldenen Wein und alle Zauberpracht hatte er ja übergenug im
Glaspalast der gläsernen Frau.
Aber Händler bewegte den dicken Kopf hin und her
und wog die geschliffenen Kelche in den Händen.
„Mir sind diese Kelche am liebsten von allen“,
sagte er, „denn es sind die Kelche für die Vielen und nicht für die Wenigen,
und ich verdiene das meiste Geld an ihnen. Die Vielen werden Euch alle Meister
nennen, wenn sie aus Euren Kelchen den Zauber der Stunde trinken. So werdet Ihr
Meister von heute auf morgen sein. Die Kelche gehen auch bald entzwei. Es ist
gut für mich, daß sie so zerbrechlich sind.“
“Aber was werden die Wenigen sagen?“ fragte der
Glasschleifer, „ich will, daß auch sie mich Meister nennen sollen, und ich
will, daß meine Werke dauern sollen, auch wenn ich einmal gestorben bin. Nur
dann bin ich ein wirklicher Meister geworden.“
„Die Kelche der Wenigen sind es nicht und auch
nicht die Kelche, die dauern“, sagte der Händler, „dann müßten die Gläser ganz
anders beschaffen sein. Aber mir sind diese Kelche die liebsten, und Ihr findet
mit ihnen, was ich auch finde, Geld und den Ruhm des Tages. Was wollt Ihr noch
mehr haben?“
„Ich will aber kein Händler, sondern ein wirklicher
Meister sein“, rief der Glasschleifer.
„Dann müßt Ihr andere Kelche schleifen, doch das
ist eine beschwerliche und oft sehr undankbare Sache“, sagte der Händler
lächelnd und packte sorgsam die schimmernden Gläser ein. Dann zahlte er dem
Glasschleifer seinen Lohn in lauter blanken Goldstücken auf den Tisch und fuhr
in die Welt hinaus um die Kelche der gläsernen Frau unter die Menschen zu
bringen. Und alle Menschen, die daraus tranken, schauten in ihrer Seele den
Glaspalast der gläsernen Frau mit all seiner Pracht und mit seinem Hofgesinde
und lebten im Zauber der Stunde. Die Sterne über sich aber sahen sie nicht
mehr.
Der Glasschleifer ging wieder in den Glaspalast der
gläsernen Frau zurück und gab ihr das Gold, das ihm der Händler gezahlt hatte.
Und als die gläserne Frau das Gold sah, an dem etwas von den Seelen der
Menschen hing, da lachte sie, und es klang, als ob Glas zerspringt, feines,
dünnes Glas.
Aber der Glasschleifer schliff nur noch ungern
seinen Namen in die Kelche der gläsernen Frau, er blieb still und in sich
gekehrt und dachte immer darüber nach, was ihm die Elfe, die Tiere und die
Wurzelwatschel gesagt hatten.
„Ich will das Geheimnis von den Kelchen der
gläsernen Frau ergründen“, sagte er, „vielleicht erfahre ich dann, wie es um
die wirkliche Meisterschaft bestellt ist.“
Und eines Tages, als ihm die gläserne Frau den
goldenen Wein aus ihrem geschliffenen Kelch kredenzte, da ergriff er ihn und
leerte ihn bis auf die Neige. Kaum aber hatte er den letzten Tropfen getrunken
und dem Kelch auf den Grund geschaut, so sah er, daß die gläserne Frau kein
Herz voll Blut, sondern von kaltem, hartem, geschliffenem Glas hatte.
Da begriff er, daß er in die Irre gegangen war und geholfen
hatte, auch die anderen Menschen in die Irre zu führen, wie es die gläserne
Frau gewollt, so daß sie die Sterne nicht mehr über sich sahen. Und er erfaßte,
daß er kein Meister geworden war, sondern nur einer von den vielen, die Händler
sind mit den Seelen der Menschen.
Die gläserne Frau stand vor ihm und sah ihn mit
schreckensweiten Augen an.
Da warf er ihr den geschliffenen Kelch vor die
Füße, daß er in tausend Scherben ging.
„Um die gleiche Stunde aber zersprangen alle die
Kelche, die er aus dem Glaspalast der gläsernen Frau zu den Menschen
hinausgesandt hatte. Die Menschen, die aus diesen Kelchen tranken, erwachten
jäh aus dem Zauber der Stunde. Sie schauten sich tief in die gläsernen Herzen
hinein und wandten sich voneinander ab. Die Sterne aber sahen sie wieder über
sich. Denn alle dunklen und lichten Kräfte der Welt sind geheimnisvoll
miteinander verwoben.
Der Glasschleifer saß wieder in seiner kleinen,
ärmlichen Glashütte, einsam in einer einsamen Werkstatt. Um ihn herum war
wieder der grüne Tannengrund, und über ihm standen die ewigen Sterne in der
dunklen Nacht.
„Nun muß es Winter werden“, sagte die
Wurzelwatschel, „ein langer Winter, bis der Frühling kommt.“
Und dann fror die Wurzelwatschel ein.
Es wurde Winter, ein langer, dunkler Winter in der
Glashütte und im Tannengrund und in der Seele des Glasschleifers. Vielleicht
waren es auch viele Winter, wer mag das wissen? Der Winter einer Seele ist
nicht nach Monden zu messen.
Der Glasschleifer arbeitete still für sich,
bescheidene, billige Ware, und lebte so zurückgezogen, daß er kaum noch des
Sonntags ins Dorf ging, um zu feiern. Aber er horchte auf die rauschenden
Zweige im grünen Tannengrund, er sprach in brüderlicher Liebe mit den Tieren
und fertigte armen Kindern Murmeln aus blankem Glas. So grub seine Seele
beharrlich nach den Wurzeln des Lebens.
Der Händler kam und ging und nahm die billige Ware.
Doch wenn er wieder nach den schimmernden Kelchen fragte, dann schüttelte der
Glasschleifer den Kopf.
„Solche Kelche will ich nicht wieder schleifen“
sagte er, „um alles Gold der Erde nicht mehr.“
Der Winter einer Seele ist nicht nach Monden zu
messen, aber einmal geht er zu Ende und der Frühling kommt. Und auf einmal
ergriff den Glasschleifer die Sehnsucht, doch noch ein wirkliches Meisterwerk
zu schaffen. Da mischte er die Glasmasse sehr sorgsam und blies einen Kelch
daraus, der anders gestaltet war als alle Kelche, die er bisher gesehen. Es war
in einer jener dunklen und einsamen Stunden, wie so viele über ihn gekommen
waren seit jenem Augenblick, als er den Glaspalast der gläsernen Frau verlassen
hatte. Und er nahm den Kelch und schliff ihn in vielen anderen einsamen und
dunklen Stunden, und nur die Sterne standen über ihm. Es schien ihm aber, als
habe der Kelch einen seltsamen Schimmer von durchlichtetem Blut, als wäre ein
heller Rubin in das Glas gegossen worden. Das war das Herzblut dessen, der ihn
geschaffen hatte.
Als der Kelch fertig war, war der Winter vergangen
- oder waren es viele Winter, wer mag das wissen? Der Frühling kam, und die
Wurzelwatschel taute wieder auf.
„Das ist ein Meisterkelch“, sagte sie, „und nun
bist du ein wirklicher Meister geworden. Du bist zu den Wurzeln des Lebens
gegangen und durch die dunklen und lichten Kräfte der Welt.“
Die Tannenzweige und Frühlingsblumen neigten sich
bei diesen Worten, und die Pilze nickten zufrieden mit den Köpfen.
„Das ist der Kelch des Lebens“, sagten die Tiere, „wer
aus ihm trinkt, der wird die armen Kinder und die Tiere lieben und den grünen
Tannengrund. Du hast uns viel damit geholfen.“
„Das ist der Kelch der Kunst“, sagten die Elfen, „wer
aus ihm trinkt, der wird sich nach den weißen Elfenschleiern sehnen, und du
hast uns damit erlöst.“
Die ewigen Sterne aber standen am Himmel und
spiegelten klar und makellos ihr Licht im geschliffenen Meisterkelch.
Da hatte der Glasschleifer den Frieden gefunden,
den Frieden in seiner Seele und den Frieden in seiner Werkstatt.
Und er schuf noch manche solche Kelche, wenn es
auch nur wenige sein konnten im Vergleich zu den vielen Kelchen der gläsernen
Frau, welche von dunklen Kräften gegossen und von Menschen geschliffen werden,
die nur Meister von heute auf morgen sind. Die Kelche der gläsernen Frau
zerspringen ja auch immer wieder, wenn der Zauber der Stunde vorüber ist.
Die wirklichen Meisterkelche aber zerbrechen nicht,
und wenn auch nur die Wenigen daraus trinken, so wird aus ihnen noch getrunken
nach aber hundert Jahren. Und wenn man sie bis auf die Neige leert, so schaut
man nicht in gläserne Herzen, sondern in den grünen Tannengrund mit den Elfen,
den Tieren und Blumen und den ewigen Sternen darüber.
Aber die Meisterkelche sind selten. Denn es geben
nicht viele ihr Herzblut darum.
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