Zum 75. Todestag Manfred Kybers am 10. März 2008
„...Nicht
das Denken erlöst die Welt, sondern die Liebe“.
Letzte Worte eines großen Ethikers.
Seine letzten Lebensjahre verbrachte der
deutschbaltische Dichter im württembergischen Löwenstein, im Unterland nahe
Weinsberg und Heilbronn. Der verdienstvolle Erik Thomson gab schon 1960 ein
Lebensbild heraus, das eine Reihe von Aussagen zur letzten Lebenszeit Kybers
enthält. Seine gesundheitliche Situation hatte sich schon während des kurzen
Aufenthalts in der baltischen Heimat von Ende 1918 bis Mai/Juni 1919
verschlechtert. Die Jahre materieller Not der Stuttgarter Jahre und der ersten
Löwensteiner Zeit ab Sommer 1923 führten zum körperlichen Zusammenbruch 1933.
Zudem war Manfred Kyber Kettenraucher. Anfang Februar 1933 Besuch der
anthroposophischen Geistesfreundin Toni Völker, die erschüttert war über seinen
körperlichen Zustand. Im Gespräch mit ihr
schien er noch aufzuleben, ging es doch um die tiefen Daseinsfragen.
Elisabeth Kyber, die Lebensgefährtin, notiert aus diesem letzten längeren
Gespräch Manfred Kybers: „Den meisten Menschen geht über ihrer
materialistischen Denkungsweise leider jegliches Naturempfinden und Schauen und
das Sich-einfühlen-können in jedes kleinste Tier, sei es eine Raupe, vollends
ab. Das kann man nur mit großer Liebe. Nicht das Denken erlöst die Welt,
sondern die Liebe“. Noch während eines kurzen Kuraufenthalts in Bad Mergentheim
Ende Februar erleidet Kyber einen Schlaganfall, an dessen Folgen Manfred Kyber
in den frühen Abendstunden des 10. März 1933 verstarb. Seine Grabstätte
befindet sich noch heute auf dem Löwensteiner Waldfriedhof, unmittelbar neben
dem Grabdenkmal von Friederike Hauffe, der „Seherin von Prevorst“ (Justinus Kerner), dessen goldfarbenes Kreuz
von weither sichtbar ist, damit auch auf die Grabstätte des Dichters,
Tierschützers und Grenzgängers aus dem Baltikum verweisend.
Die Liebe zur Natur, zu den Tieren, verbunden mit
scharfer Beobachtungsgabe, ließ ihn schon früh zu einem Meister der
Tiergeschichte werden. Gerade diese Literaturgattung sollte ihn 1912 mit seinem
Buch „Unter Tieren“ berühmt werden lassen, und neben Märchen und seinem Veronika-Roman sind es die
Tiergeschichten, die bis heute überlebten und gelesen werden, auch wenn sich
germanistische Seminare damit noch kaum beschäftigten.
Fassen wir seine Lebensstationen kurz zusammen:
Geboren am 1. März 1880 in Riga, aufgewachsen als zweites Kind einer
großbürgerlichen deutschen Familie auf dem livländischen Rittergut Paltemal im
Rigaer Kreis. Nach Besuch des Gymnasiums in Riga und St. Petersburg
(abgebrochen) von 1900 bis 1902 Aufenthalt in Leipzig.. Erste Gedichte
erscheinen, kurz darauf „Drei Waldmärchen“. Nach dem Tod es Vaters von 1902 bis
1918 in Berlin, bis 1912 beruflich als Verlagsmitarbeiter tätig. Weitere Bücher
erscheinen, so 1912 die erste Sammlung von Tiergeschichten: Unverwechselbare
Kabinettstücke baltischen Humors im Fabelton, doch auch ernste Themen fehlen
nicht, so die Schafsgeschichte „Stumme Bitten“ oder die Jagdgeschichte „Auf
freiem Felde“. Im Jahre 1909 Heirat mit
der Baltin Elisabeth Boltho von Hohenbach aus Livland. Seither Vegetarier (doch
leider Raucher geblieben, trotz des Einspruchs seiner lebensreformerisch
eingestellten Ehefrau). Lebhafte,
kritische Aufmerksamkeit gegenüber grenzwissenschaftlich-esoterischen Themen.
Begegnung mit der Anthroposophie Rudolf Steiners und mit bedeutenden
Künstlerpersönlichkeiten, so mit der Sopranistin Lilli Lehmann, seinerzeit
berühmte Mozart- und Wagner-Interpretin.
Die 1918 noch in Berlin erscheinenden Gedichte
„Genius Astri“ sind Rudolf Steiner gewidmet, dem er auch persönlich begegnete.
Nach kurzem Aufenthalt im Baltikum Übersiedlung nach Stuttgart. Wieder
Verlagsmitarbeiter und Theaterkritiker, Vortragsredner. Eine Reihe von Büchern
erscheinen: Märchen, Gedichte, Grotesken, dramatische Arbeiten, die Erzählung
„Der Königsgaukler“, Theaterkritiken. Freundschaft mit Margarethe von Wrangell,
der ersten deutschen Professorin (frühere Landwirtschaftliche Hochschule in
Stuttgart-Hohenheim, Biologin). 1923
Übersiedlung als freiberuflicher Schriftsteller nach Löwenstein zuerst
alleine, dann kommt seine Frau Elisabeth nach, die sich 1922 von ihm scheiden
ließ. Dank Einladungen vermögender
Freunde erlebt Manfred Kyber einige
Ferienaufenthalte in der Schweiz. 1926 sollte es dort zu einer Begegnung mit
Rainer Maria Rilke kommen, doch beide Dichter verstehen einander nicht. Frucht seiner
„Schweizerzeit“ ist die feinsinnige Tiergeschichte „Freundschaft“, die am
Zuger See spielt und auf sensible Weise von der Wiederverkörperung und der
Verbundenheit von Mensch und Tier kündet. Die „Kybers“ verbringen schließlich
die letzten knapp zehn Lebensjahre des Dichters in anfangs materiell sehr
bedrängten Verhältnissen in dem hübschen Bergstädtchen Löwenstein bei
Heilbronn. In diesen Jahren erscheinen
u. a. das Sachbuch „Tierschutz und Kultur“ und 1929 sein wundervolles Buch „Die
drei Lichter der kleinen Veronika. Der Roman einer Kinderseele in dieser und
jener Welt“ (1929).
Manfred Kybers äußerlich eher schmales, doch
inhaltlich vielseitiges und geistig tiefes Werk umfasst alle literarischen
Gattungen. Kyber war auch ein eifriger Briefeschreiber, von denen sich nur
wenige erhalten haben. Aktive Mitarbeit im Tierschutz. 1930 erhält er als
einzige Auszeichnung den Welttierschutzpreis aus Genf. „Tiere haben ihre Komik
und ihre Tragik wie wir. Sie sind voller Ähnlichkeit und Wechselbeziehung. Die
Menschen glauben meist, zwischen ihnen und den Tieren sei ein Abgrund. Es ist
nur eine Stufe im Rade des Lebens. Denn alle sind wir Kinder einer Einheit. Um
die Natur zu erkennen, muß man ihre Geschöpfe verstehen. Um ein Geschöpf zu
verstehen, muß man in ihm den Bruder sehn“ (Vorspruch zu „Unter Tieren“, seit
Jahren lieferbar bei Rowohlt als gebundene Ausgabe und als Taschenbuch unter
dem verheißungsvollen Titel „Das patentierte Krokodil“). In den letzten Jahren
erschienen eine Reihe von CD-Aufnahmen (Hörbücher, so eine Aufnahme mit
Hamburger Kindern, angeregt von Eva Herman, zwei CDs beim Verlag HörGut und 2007 der gesamte Veronika-Roman von 1929
beim Aurinia-Verlag auf 5 CDs). Kybers
pionierhaftes Denken läßt sich heute nahtlos wiederfinden in der Formel:
Tierschutz ist auch Menschenschutz.
Um dem Werk Manfred Kybers breitere Resonanz zu
verschaffen, gründeten Kyber-Freunde 2002 in Stuttgart die
Manfred-Kyber-Gesellschaft e.V. als literarische Vereinigung. Es werden
Vorträge und Lesungen, meist im Großraum Stuttgart, veranstaltet, Mitwirkung an
Kyber-Tagungen der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein.
Peter Götz, Stuttgart