Inhaltsverzeichnis
Die Geburt Mantaos in der Lotosblume
Der Kleine mit den Elefantenohren und das Äffchen
Die Stadt der erloschenen Lampen
DIE GEBURT MANTAOS IN DER LOTOSBLUME
Ich will
euch erzählen die Geschichte von Mantao, dem Königsgaukler, und ich will sie
erzählen, wie er in einer Lotosblume geboren wurde, als die Nacht ihren
Sternenteppich breitete über das heilige Land von Indien. Viele, viele tausend
Jahre ist es her, und wenn ich euch das sage, so wird es euch erscheinen, als
seien viele, viele tausend Jahre eine lange Zeit. Aber das müsst ihr nicht
denken. Viele, viele tausend Jahre ist eine ganz kurze Spanne Zeit, es ist
eigentlich gar keine Zeit -- viele, viele tausend Jahre, das ist so, als sei es
eben erst geschehen, dass Mantao, der Königsgaukler, in einer Lotosblume
geboren wurde. Ihr müsst euch nur denken, ihr sässet selber in einer Lotosblume
darin, ihre feingliedrigen kühlen Blütenarme hüllten euch ein und in ihren weit
geöffneten Kelch schauten die Sterne. Der Kelch der Lotosblume ist ein
Wunderkelch, vergesst das nicht -- und nun beginnt sich der Wunderkelch zu
drehen und ihr seid darin. Erst dreht er sich langsam, dann schneller und immer
schneller -- es ist als ob die Sterne um euch kreisen und bunte Bilder in endloser
Reihe an euch vorüberziehen, Bilder vom Leben der Geister, Menschen und Tiere,
vom Wachstum der Pflanzen und Funkeln der Edelsteine, endlose Leben, seltsam
ineinander verschlungen und mit feinen Fäden mit euch verbunden, als gehörten
sie zu euch, und doch wieder von euch getrennt, denn ihr schaukelt ja im Schoß
der Lotosblume und schaut darauf mit Augen, die zeitlos geworden sind. Sehr
ihr, so müsst ihr denken -- was sind dann viele, viele tausend Jahre?
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehen leise und unmerklich in eines über,
und es ist euch, als wäre es erst heute geschehen, dass Mantao, der
Königsgaukler, in einer Lotosblume geboren wurde.
Denkt
euch, es wäre heute. Die Nacht breitete ihren Sternenteppich aus über Indiens
heiliges Land, und auf dem Teppich der Sterne stieg langsam und feierlich ein
Engel auf die Erde nieder, und dieser Engel trug Mantaos Seele in den Armen, um
sie behutsam und liebreich in den Kelch der Lotosblume zu legen. Wenn ich sage,
dass er Mantaos kleine Seele trug, so müsst ihr das nicht so verstehen, als
wenn Mantao eine kleine Seele gehabt hätte, arm an Tiefe des Gefühls und
schwach an geistigen Kräften. Mantaos, des Königsgauklers, Seele war groß und
stark und reich, und wenn sie oben über den Sternen ihre Schwingen regte, dann
klang es, als wenn Glocken läuteten in Frieden und Feierabend. Aber es war doch
nur eine Menschenseele -- und seht ihr, wenn der Engel, den jede Menschenseele
zum Hüter hat, seine anvertraute Menschenseele aus der Welt über den Sternen
hinabträgt auf diese Welt, dann wird die Menschenseele schwach und müde, wie
ein kleines Kind, denn es ist ein weiter Weg und es dauert lange, bis sich die
Menschenseele an die Erde gewöhnt hat und an den fremden Boden, der mehr Dornen
als Rosen trägt. Ihr alle kennt das, denn ihr seid alle geboren auf dieser Erde
und euer Engel hat euch auf dem Sternenteppich hinabgetragen, wenn ihr es auch
vergessen habt. Aber ihr werdet euch gewiss erinnern, wenn ich es euch wieder
beschreibe. Es ist, als wäre man sehr schwer geworden, als habe man Flügel
gehabt, klingende tragende Schwingen -- und diese seien einem genommen worden,
so dass man nicht weiß, wie man sich bewegen soll. Es ist, als sei die Luft
dick und trübe geworden und man könne nicht mehr gut sehen und hören, man müsse
das alles noch einmal ganz von neuem lernen -- man müsse von neuem atmen und
leben lernen, aber langsamer, schwerer und schleppender. Es ist wie ein dickes
Kleid, das man angezogen hat, die geschmeidigen Glieder sind wie in Watte
gewickelt, und man ist müde, müde und benommen. Die Lotosblume aber dreht sich,
dreht sich immer schneller und schneller, so dass man ganz schwindlig wird --
und viele feine Fäden spinnen sich vom Kelch der Blume zu dem Boden hinüber,
auf dem wir nun leben sollen und der mehr Dornen als Rosen trägt. Die Fäden
halten immer fester und fester, und man fühlt nun deutlich, dass man sie alle
erst wird lösen müssen in einer langen mühseligen Arbeit, ehe man wieder
aufsteigen darf zu den lichten Fernen, aus denen man gekommen, zu der Welt über
den Sternen. Nicht wahr, ihr erinnert euch jetzt und werdet nun auch verstehen,
warum Mantaos Seele so klein war, dass es aussah, als trüge der Engel ein
kleines Kind auf den Armen.
Leise
und behutsam legte der Engel Mantaos Seele in den Kelch der Lotosblume. Er sah
ernst und traurig dabei aus, denn er wusste, dass er Abschied von ihm nahm,
wenn er auch stets unsichtbar um ihn sein würde, und er wusste, dass Mantao,
der Königsgaukler, einen schweren und einsamen Weg wandern würde, ehe er wieder
heimfand in die Welt über den Sternen. Es ist kein leichter Gang für einen
Engel, wenn er seine anvertraute Menschenseele zur Erde geleitet, besonders
wenn es eine große und starke Seele ist, an die sich die anderen anklammern --
die ihren Weg nicht nur für sich, sondern auch für andere geht und die ihren
Schild halten soll über allem, was atmet. Es ist schon schöner, diese Seele
wieder zu empfangen, wenn sie heimkehrt in die Welt über den Sternen.
"Der
Erhabene segne deinen Pfad", sagte der Engel, "und er segne deinen
Pfad allen, für die du ausgegangen bist, Menschen, Tiere und allem Leben. Ich
werde für dich auf die Kette der Dinge achten, ich werde den Fäden deines
Lebens folgen und deinen Stern über dir halten im Tempel Brahmas und im Schmutz
der Gosse. So werde ich immer bei dir sein, und doch ist es eine Trennung, denn
Himmel und Erde sind ineinander verflochten und doch getrennt. Nun nehme ich
Abschied von dir. Es ist ein harter Weg, den du wandern wirst. Nicht oft werden
solche Seelen in den Kelch der Lotosblume gesenkt. Denn du wirst ein
Königsgaukler sein, und du wirst sehr, sehr traurig werden, wenn du das
begreifst, und du doch wirst sehr froh werden, denn dein Weg ist ein Weg, auf
dem die Dinge ineinander übergehen. Der Erhabene segne deinen Pfad. Mehr als
andere braucht dein Pfad den Segen des Erhabenen, denn er ist der Pfad der
Königsgaukler."
Die
Lotosblume drehte und drehte sich. Zahllose Fäden kamen aus ihr hervor und
klammerten sich immer fester und fester an den Boden der Erde, der mehr Dornen
als Rosen trägt und auf dem Mantao nun leben und seinen Pfad wandern sollte.
Da
neigte sich der Engel und nahm Abschied von Mantao, dem Königsgaukler.
Einer
der vielen Fäden aber, die sich von der Lotosblume zur Erde spannen, zog Mantao
zu seinem Elternpaar hin. Es waren arme Leute, und sie gehörten zur verachteten
Kaste der Paria. Aber seine Mutter glaubte, dass sie einen Königssohn geboren
habe.
"Als
ich diesen Knaben gebar", sagte sie zu ihrem Manne, "war es mir, als
sähe ich eine der Lotosblumen, in denen die Engel die Seelen der Kinder tragen,
und mir war, als sei die Lotosblume dieses Kindes größer und schöner, als sonst
die Blüten der Kinderseelen sind. Es ist ein Königssohn, den ich geboren
habe."
"Das
meinen alle Mütter", sagte der Mann und lachte, "ich bin kein König
und du bist eine Paria. Vielleicht wird er ein Gaukler werden an einem
Königshof."
Bald
darauf kam die Pest in den kleinen Ort, in dem Mantaos Eltern lebten. Sie war
ein grausiger Gast. Dürr und hager ging sie mit hüpfenden Schritten durch die
Gassen und rief die Menschen zum Totentanz mit ihrer wimmernden Flöte. Alles
versteckte sich vor ihr, denn wen sie ansah aus ihren hohlen Augen, der musste
ihr folgen, bis er leblos niederfiel. Sie sah nicht alle an, denn auch sie ist
ein Gesandter des Erhabenen und sieht nur jene, die sie sehen darf. Als ihr
aber gar zu viele folgen mussten, da sammelten sich die Letzten und verließen
das Dorf und gingen hinaus auf die Landstraße, viele, viele Tage weit, um einen
Ort zu suchen, durch dessen Gassen die Pest nicht tanzte. Unter diesen Letzten
waren auch Mantaos Eltern. Der Mann schob einen kleinen Karren vor sich her mit
seinen wenigen Habseligkeiten, und die Frau trug das Kind auf den Armen, von
dem sie glaubte, dass es ein Königssohn wäre. Aber die Pest tanzte ihnen nach
und rief zuerst den Mann, bis er ihr folgte und leblos niederfiel. Da ließ die
Frau den Karren stehen und ging alleine weiter mit ihrem Kinde. Am Tage darauf
aber sah die Pest sie an und sie setzte sich an den Grabenrand, um zu sterben.
Sie drückte ihr Kind noch einmal an sich und bat die anderen, sie mögen es mit
sich nehmen und pflegen. Aber alles fürchtete sich vor der Pest und der Frau,
die sie gezeichnet hatte, und sie ließen die Sterbende allein mit dem Kind in
ihrem Armen.
Da
streckte die Frau flehentlich ihre Arme der Pest entgegen und bat: "Nimm
mich dem Kinde nicht weg, das ohne mich verhungert, lass mich leben."
Die Pest
sah plötzlich anders aus als sonst. Sie war kein dürres, hageres Gerippe mehr
mit hohlen Augen -- und sie neigte sich freundlich zu der Frau im Straßengraben.
"Das
kann ich nicht", sagte sie traurig, "ich muss rufen, wie es mir
befohlen wurde. Aber dein Kind wird nicht verhungern, du wirst es noch lebend
einem anderen in die Arme geben. Dich aber werde ich dann rufen, so sanft wie
ich noch niemand gerufen habe."
Und die
Pest neigte in Liebe und Frieden ihr Haupt und ging von dannen. Seht ihr, Leben
und Tod haben oft ein verschiedenes Angesicht und die Pest war barmherziger als
die Menschen. Als die Frau aber wieder aufsah, da erblickte sie auf jener
Stelle, auf der die Pest gestanden hatte, einen alten Mann in der ärmlichen
Kleidung der Bettelmönche und mit einem spitzen sonderbaren Hut auf dem Kopf,
wie ihn die Lamas in Tibet tragen.
"Gib
mir dein Kind", sagte er, "ich will es in meine Heimat, in die
heiligen Berge von Tibet tragen und will es großziehen in aller Weisheit des
Erhabenen."
Da gab
ihm die Frau ihr Kind.
"Es
ist ein Königssohn", sagte sie.
"Das
weiß ich", sagte der Mann aus Tibet.
"Wenn
du das weißt, will ich dir gerne mein Kind geben", sagte die Frau,
"und die guten Götter unseres Hauses mögen es schützen. Unser Haus ist
verlassen, aber es waren freundliche kleine Götter, die darinnen lebten, und
sicher sind sie mit uns gezogen und stehen neben meinem Kinde."
"Siehst
du nicht, dass ein großer, schöner Engel neben deinem Kinde steht?" fragte
der alte Mann aus Tibet.
Aber die
Frau hatte die Augen geschlossen und atmete nicht mehr. Die Pest hatte sie
gerufen, ganz so wie sie es versprach, so sanft, wie sie noch niemand gerufen
hatte.
Der alte
Mann aber nahm das Kind auf seine Arme und trug es so behutsam und vorsichtig,
wie nur je eine Mutter ein Kind im Arm getragen hat, in seine einsame Heimat,
in die heiligen Berge von Tibet.
Sie
wanderten Tage und Nächte, und neben ihnen ging der Engel, der die Seele des
Kindes über den Sternenteppich zur Lotosblume getragen hatte.
Nun
müsst ihr euch denken, ihr habet viele Jahre mit Mantao und dem alten Manne
zusammen gelebt, oben auf der Hochebene von Tibet, die nur selten eines
Menschen Fuß betritt. Es ist ein rauhes, einsames Land, Eis und Schnee kommen
und gehen auf ihm, und die wilden Winde singen ihre Klagelieder in seinen
Klüften. In die kleine Hütte der beiden Menschen aber schauten keine Augen als
die Augen der Sonne, des Mondes und der Sterne und keine anderen Gäste sahen
sie um sich als die Tiere der Wildnis, die Mantaos Jugendgespielen waren. Die
Bergziegen schenkten ihnen ihre Milch und die Waldbienen ihren Honig, aus Brüderlichkeit
und um den Segen Brahmas. Keine Menschen hatte Mantao kennengelernt, aber in
alle Tiefen der Natur hatte ihn der alte Mann aus Tibet eingeführt, er kannte
den mühsamen Gang der pilgernden Käfer, deren schwachen Beinen ein Sandkorn groß
und erhaben erschien, und er kannte den Flug der Adler, die im gleitenden
Schlag ihrer Schwingen die Berge umkreisten, so hoch, dass ihre Gipfel ihnen
klein und gering vorkamen.
"Brahma
ist in beiden", sagte der alte Mann aus Tibet und nahm seine sonderbar
spitze Mütze ab vor den Käfern im Staube und vor den Adlern im Äther,
"siehe, beider Wege musst du kennen und lieben und beider Wege wirst du
wandern auf dem Pfad deines Lebens: den Weg der Mühsamen und den Weg der Großen,
die über den Berggipfeln kreisen. Denn du bist Mantao, der Königsgaukler, und
du wirst wandern den Weg des Erhabenen."
Mantao
schaute auf die Käfer und auf die Adler, und er sah, wie die Sandkörner klein
waren und groß erschienen und wie die Berge groß waren und klein erschienen,
und er lernte erkennen, wie die Dinge ineinander übergehen dem, der auf Großes
und Kleines schaut mit den gleichen Augen der Andacht.
Als nun
Mantao ein schöner Jüngling geworden war, ohne noch zu wissen, was Schönheit
ist, und noch ohne zu ahnen, was es heißt, anders als ein Kind zu sein, da rief
ihn der alte Mann zu sich und sagte zu ihm:
"Siehe,
du bist nun groß und schön geworden, ich aber bin sehr alt und sehr müde. Es
ist nun an der Zeit, dass du deinen Weg wanderst und dass ich von dir
gehe."
Da
erschrak Mantao, denn er liebte den alten Mann über alles.
"Lass
mich mit dir gehen", bat er, und zum ersten Male überkam ihn das Gefühl,
was es heißt, kein Kind mehr zu sein. "Nimm mich mit dir dahin, wo du
hingehst."
"Dahin,
wo ich hingehe, kann ich dich nicht mitnehmen", sagte der alte Mann,
"denn, siehst du, ich gehe fort von dieser Erde."
"Soll
das heißen, dass du sterben musst?" fragte Mantao.
"Nein,
ich muss nicht sterben", sagte der alte Mann und lächelte, "Sterben
ist ein Wort der Täler, ich aber gehe in die Berge. Siehe, alle Namen der Berge
um dich herum habe ich dich gelehrt in den Jahren deiner Kindheit -- Brahma
segne deine Kindheit, denn sie war ein Gnadengeschenk für mich alten Mann -- ,
alle Berge haben wir miteinander gekannt und geliebt, wir haben die Stunden
gewusst, wann die Sonne über ihren Riesenleibern aufging und wann sie sie im
Sinken vergoldete. Wir haben die seltsamen Gestalten beobachtet, die das
Mondlicht um ihre weißen Firnen wob, wir haben sie gekannt, wie wir die Käfer
und die Adler kannten. Von allen Bergen aber kannte und liebte ich am meisten
den Lischanna -- nicht weil sein Gipfel einer Krone gleicht, nicht weil seine
massigen Glieder schön sind wie ein Tempelgebäude, auch nicht weil er groß und
keiner gewaltiger als er. Ich habe ihn gekannt und geliebt vor allen, weil ich
wusste, dass ich einmal auf ihm den großen Heimweg antreten würde zum
Erhabenen, von dem ich kam. Ich werde oben nicht sterben, sage das ja nicht,
du, der auch nie sterben darf. Ich werde meinen alten müden Körper ablegen, wie
ich es jede Nacht tat, wie ich es oft im Wachen getan habe, wenn mein Geist
sich von seinen Fesseln lösen durfte und ich mit inneren Augen über Berge und
Täler schaute und auf die wirren Wunder dieser Erde. Nun lass uns auf den
Lischanna steigen, dass ich meinen alten Körper für immer ablege wie ein altes
Gewand und den Erhabenen schaue von Angesicht zu Angesicht."
Mantao
schwieg. Der alten Mann aber streckte noch einmal seine Hände über die Halde
aus, auf der seine Hütte stand, und segnete die Käfer und die Adler und die
Bergziegen und Waldbienen, die ihn genährt hatten, mit dem Segen Brahmas. Dann
ging er mit leuchtenden Augen seinen letzten Gang und Mantao folgte ihm.
Auf
halber Höhe des Berges blieb der alte Mann stehen und wandte sich zu Mantao.
"Siehe",
sagte er, "unter dir die Täler im Abendsonnenschein, dahin musst du nun
gehen, denn jetzt ist dein Weg der Weg zu den Tälern der Menschen, bis du einst
wieder zurückfindest auf deinen heiligen Berg. Diese Täler sind das heilige Land
von Indien, das voller wirrer Wunder ist. Bunte Lampen brennen sie in den
Tälern, aber es sind Lampen, die bald erlöschen. Du wirst ihnen fremd sein, den
Menschen in den Tälern, sie werden dich vielleicht für einen Bettler halten,
für einen Gaukler, du aber vergiss nicht, dass du ein König der Berge bist. Nun
lass uns Abschied nehmen, Mantao, mein Königsgaukler, lass uns Abschied nehmen
für dieses Leben -- und ich danke dir für deine Kinderjahre, die meine Seele
durchsonnt haben. Mir danke nicht, diesen Dank statte ab allem, was atmet,
statte ihn denen ab, deren Lampen erlöschen. Der Erhabene segne dich, der du
nicht mein Kind warst und doch mein Kind warst, das Kind meiner Seele und
meines Geistes für eine Zeit, die nun zu Ende ist."
Mit
diesen Worten nahm der alte Mann seine Mütze ab, jene sonderbar spitze Mütze,
die immer noch dieselbe war seit dem lange vergangenen Tage, da der alte Mann
das kleine Kind auf der Landstraße in seine Arme genommen hatte. Die Mütze war
um vieles schmutziger und unscheinbarer geworden in den vielen Jahren, aber
Mantao erschien es, als wäre es eine Krone, die der alte Mann abnahm, um sein Haupt
zum Abschied zu entblößen vor dem, den er als ein kleines Kind in seine Berge
getragen hatte.
Da fiel
Mantao, der Königsgaukler, in die Knie und weinte bitterlich.
Der alte
Mann aber ging mit festen und geraden Schritten weiter auf seinen geliebten
Berg Lischanna hinaus und sein weißes Haar flatterte im Abendwind.
Mantao
sah ihm nach, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Da sank die Sonne über den
Gipfeln der Berge von Tibet.
Nun
schlief Mantao die letzte Nacht in der Hütte seiner Kindheit. Ihm war, als sei
sie ein königlicher Palast gewesen, geschmückt mit den Bildern seiner
Kinderseele und der Seele des alten Mannes, der auch eine Kinderseele hatte und
der nun von ihm gegangen war. Zum ersten Male sah Mantao, dass der königliche
Palast seiner Kindheit eine ärmliche Hütte war, und er schlief einsam und
traurig ein. Am anderen Morgen aber wollte er, wie es ihm der alte Mann zum
Abschied gesagt hatte, von den Bergen in die Täler niedersteigen zu den wirren
Wundern Indiens, zu denen seine Seele ihn zog, ohne dass er es wusste.
Um
Mitternacht erwachte er, und da erschien es ihm, als seien die Wände seiner
Hütte seltsam verändert, als seien sie feingliedrige Blütenblätter einer
Lotosblume geworden, in deren Kelch die Sterne schauten. Von der Lotosblume
aber spannen sich lauter feine, feste Fäden weit, weit hinaus und hinunter in
die Täler Indiens -- und ihm war, als müsse er diesen feinen Fäden folgen, mit
denen er sich verkettet fühlt, er wusste nicht, wie.
"Das
ist die Kette der Dinge", sagte eine leise Stimme, "ich will auf
deine Kette der Dinge achten, wie ich es dir versprochen habe, Mantao, mein
Königsgaukler."
Es war
die Stimme seines Engels, der zu seinen Häupten stand und auf ihn
niederschaute. Mantao aber sah ihn nicht.
Mantao
sah in die Sterne. Und ihm war, als formte sich vor seinen Augen aus dem blauen
golddurchwirkten Schimmer der Nacht die Gestalt einer Frau von unsagbarer
Schönheit -- so unerreichbar göttlich und erhaben und doch so seltsam vertraut
mit allem, was in ihm war, als sei alle Liebe, die er je empfunden für die
mühseligen Käfer und die kreisenden Adler, für den alten Mann und für die
Bergziegen und Waldbienen, eins geworden in dieser Frauengestalt über den
Sternen.
"Ich
bin du, wenn ich auch jetzt von dir getrennt bin", sagte die Frau über den
Sternen und lächelte. "Siehe, meine weißen Glieder werden gebaut von
deinen Gedanken, mein Gewand wird gewirkt von deinen guten Werken und alle
Liebe und alle Sehnsucht, die in dir atmen, sind mein Diadem. Ich bin du, und
einmal wirst du ganz mit mir vereint sein. Baue meine Glieder, wirke mein
Gewand und durchleuchte mein Diadem mit den Edelsteinen deiner Liebe. Je mehr
du mich schmückst, um so mehr werde ich dich lieben, Mantao, mein
Königsgaukler."
"Wann
werde ich ganz mit dir vereint sein?" rief Mantao, und ihm war, als stünde
sein ganzes Wesen in Flammen, die er noch nie gekannt.
"Wenn
du ganz du sein wirst, Mantao, mein Liebster. Wenn du durch die Täler Indiens
gegangen bist und durch ihre wirren Wunder, wenn du die Stadt der bunten Lampen
kennst und die Stadt der erloschenen Lampen, wenn du wieder heimkehrst über den
heiligen Berg in Tibet in das Königreich der Ferne. Denn siehe, ich bin die
Königin deiner Ferne, die du suchen wirst auf allen deinen Wegen, bis du sie
gefunden."
"Wie
aber soll ich das Königreich meiner Ferne finden und dich in ihm, Königin der
Ferne?" fragte Mantao.
"Du
musst einen Schild, ein Schwert und eine Krone tragen, und die will ich dir
geben. Dies Schwert soll dich schützen und die, für die du deinen Weg wanderst.
Diesen Schild sollst du halten über alles, was atmet und dich um Hilfe ruft.
Deine Krone aber wirst du unsichtbar tragen und niemand wird sie sehen auf
dieser Erde. Deine Krone wirst du selbst erst sehen im Königreich der Ferne.
Ein König wirst du sein mit einer unsichtbaren Krone, und sie werden dich für
einen Gaukler halten. Der Erhabene segne dich, Mantao, mein Liebster, mein
Königsgaukler. Denke an deine Königin der Ferne."
Mantao
schlief wieder ein, und als er am Morgen erwachte, lagen ein Schild und ein
Schwert von einfacher Arbeit und ärmlichem Aussehen neben ihm. Eine Krone aber
konnte er nicht an sich entdecken.
DER KLEINE MIT DEN ELEFANTENOHREN UND DAS ÄFFCHEN
Als
Mantao zu den Tälern Indiens gekommen war, da staunte er über die Pracht und
den Reichtum an Leben, den Brahma über dieses Land der Wunder ausgegossen hatte
aus seiner göttlichen Schöpferschale. Blumen von solcher Gestalt und solchem
Duft und Tiere von so seltsamer Gestalt hatte er oben in den einsamen Bergen
Tibets nicht gesehen, und er ahnte nicht, dass viele dieser herrlichen Blumen
tödliches Gift enthielten und manche dieser schönen Tiere wild und reißend
waren. Er segnete sie mit dem Segen des Erhabenen, und die Giftblumen neigten
ihre Kelche vor ihm, um ihm ihren tödlichen Hauch zu verbergen, und die wilden
Tiere dankten ihm für seinen Segen und gaben ihm den Weg frei. Sogar die
Schlangen rollten ihre schimmernden Leiber vor ihm zu gefälligen Mustern
zusammen und der Tiger, Indiens Königskatze, schnurrte so laut, dass selbst
seine Frau und die kleinen Tigerkinder einstimmig versicherten, so herrlich
hätten sie ihn noch nie schnurren gehört, obwohl er ein Meister im Schnurren
war wie nur sehr wenige.
Als nun
Mantao die ganze Wildnis durchwandert hatte, da erblickte er nun eines Tages
eine sonderbare Gestalt, die gerade auf ihn zukam und sonderbarer war als die
Merkwürdigkeiten, die er bisher gesehen. Es war ein ganz kleines Männchen mit
gewaltig großen Elefantenohren, und die Ohren waren so groß und das Männchen so
klein, dass es ganz in den Ohren eingehüllt war. Ja, und wenn es ging, so
schleiften die Ohren noch ein wenig auf der Erde, und der Kleine nahm sie auf
wie eine Schleppe, um sie zu schonen. "Heil dir, König Mantao", sagte
der Kleine und neigte sich so tief, dass die Elefantenohren den Staub auf dem
Erdboden aufwirbelten.
"Woher
weißt du, wie ich heiße", fragte Mantao, "und dass ich ein König
bin?"
"Ich
habe das gehört", sagte der Kleine mit den Elefantenohren, "denn mit
diesen Ohren höre ich alles."
Er
richtete sich wieder auf und ordnete die Ohren in hübschen Falten auf seinem
Rücken wie einen Mantel.
"Ich
kann mir schon denken, dass du mit diesen Ohren vieles hören kannst",
sagte Mantao, "aber ist es nicht seltsam, dass ein so kleiner Mann solche großen
Ohren trägt und noch dazu Elefantenohren? Ist es nicht sehr beschwerlich,
solche Ohren zu tragen?"
"Sage
das nicht", erwiderte der Kleine "siehe, es ist eine gewaltige Gnade,
dass ich diese Ohren habe. Der alte und weise Elefant Mammamutra hat sie mir
geschenkt. Ich habe ihm einmal eine Wunde verbunden. Man lernt besser hören,
wenn man anderen die Wunden verbunden hat, sagte der Elefant Mammamutra und gab
mir aus lauter Gefälligkeit diese Ohren, die er, dank einem leichten Zauber,
aus seiner eigenen Haut geschneidert hat. Er hatte viel Haut übrig, selten habe
ich jemand gesehn, dem die Haut in so unzähligen Falten am Leibe hing wie
Mammamutra, dem alten und weisen Elefanten. Er hatte es wirklich übrig, aber
doch war es eine sehr große Gnade, denn seit ich diese Ohren habe -- der
Erhabene segne Mammamutra und seine Kinder und Kindeskinder -- , seit dieser
Zeit höre ich so leise Dinge wie wenn der Keim einer Pflanze seine Hülle bricht
im Schoß der Erde. Ich höre die Gedanken der Guten und die Ränke der Bösen, und
so hörte ich, dass Mantao, der Königsgaukler, in die Täler von Indien gekommen
ist."
"Wie
hast du das gehört?" fragte Mantao, "klingt nicht ein Schritt wie der
andere, wenn er dir nicht seit Jahren vertraut ist?"
"Siehe,
ich hörte eine Lotosblume wachsen", sagte der Kleine mit den
Elefantenohren, "und ein Engel legte die Seele eines Kindes in den Kelch.
Es war deine Seele, Mantao, mein Königsgaukler. Ich hörte, wie die Lotosblume
sich drehte, und hörte, wie sich viele feine Fäden aus ihr spannen zu den
Bergen von Tibet und zu den Tälern von Indien. Deine Schritte brauche ich nicht
zu hören; denn du wandelst den Fäden nach, die dich ziehen."
"Gehe
ich denn nicht mit festen Schritten auf dieser Erde, wie ich will, und wohin es
mir beliebt?" fragte Mantao stolz und schlug an das Schwert an seiner
Hüfte.
"Das
hört sich so äußerlich für menschliche Ohren an", sagte der Kleine und
raschelte vergnügt mit seinen Elefantenohren, "aber wenn man mit
Mammamutras Ohren hört -- der Erhabene segne ihn und seine entferntesten
Verwandten -- , dann hört man, wie die Fäden gesponnen werden, die die Schritte
nach sich ziehen. Siehe, die ganze Erde ist mit solchen feinen Fäden
durchwirkt. Von den einen bist du frei, die anderen ziehen dich an, und du
folgst ihnen, ohne zu wissen, warum. Das ist die Kette der Dinge, und du bist mit
ihr verbunden aus früheren Leben, da du schon in anderer Gestalt auf dieser
Erde wandeltest, oder aus deinem inneren Wesen heraus, das der Engel mit allem,
was du warst und sein wirst, in den Kelch der Lotosblume senkte. So ist das
ganze Leben wie ein Teppich, kunstvoll aus feinen Fäden gewoben, und du bist
mitten darin, um sein Muster auszuwirken, Fäden zu lösen und zu verbinden, bis
du frei bist von allen Fäden, die dich halten, und du dein fertiges Muster
heimtragen kannst in dein Königreich der Ferne."
"Gerade
in dieses Königreich der Ferne will ich", sagte Mantao, "seit ich
meine Königin der Ferne sah in der letzten Nacht, die ich in der Hütte meiner
Kindheit schlief. Kannst du, der alles hört, mir nicht sagen, wo jetzt meine
Königin der Ferne weilt?"
"Deine
Königin der Ferne ist in ihrem und deinem Königreich über den Sternen, und sie
wartet darauf, dass du ihr noch heute einen Edelstein schenkst, den sie sich
ins Diadem flechten kann."
"Wie
soll ich hier in der Wildnis einen Edelstein finden?" fragte Mantao.
"Geh
und wirke deinen Teppich", sagte der Kleine mit den Elefantenohren,
"wirke deinen Teppich, Mantao, mein Königsgaukler. Ich aber will mich in
meine Elefantenohren hüllen und schlafen, denn auch dazu sind diese herrlichen
Ohren gut. Wenn ich mich in diese Ohren wickle, so ruhe ich wie in einer
Bettdecke, die mich wärmt und schützt, dass kein Schlangenzahn hindurch kann,
kein nasser Regen und kein kalter Morgentau. Dank diesen Ohren, und der
Erhabene segne Mammamutra und seine Kinder und Kindeskinder und die kleinsten
Säuglinge seiner ganzen Elefantensippe."
Mit
diesen Worten wickelte sich der Kleine in seine Elefantenohren hinein, so dass
er völlig darin verschwand, denn Mammamutra hatte diese Ohren überaus reichlich
bemessen.
Mantao
war seinen Weg weitergegangen und dachte darüber nach, wie er wohl den Teppich
seines Lebens wirken könne und wie es ihm gelingen möge, noch heute einen
Edelstein für das Diadem seiner Königin der Ferne zu finden.
Da hörte
er, abseits von seinem Wege, ein schwächliches Klagen im Gebüsch, ähnlich den
Weinen eines kleinen Kindes. Er ging den Klagelauten nach und fand ein Äffchen,
das wimmernd und jammernd neben seiner toten Affenmutter hockte und ihn
flehentlich aus seinen Kinderaugen ansah. Mantao brachte ihm Früchte und
Wasser, aber das Äffchen aß und trank nichts. Es blieb auf dem Boden kauern und
jammerte.
"Sein
Leib hungert nicht, aber seine Seele hungert", dachte Mantao, und er
wusste nicht, wie er dem kleinen Geschöpf helfen sollte. Da hörte er eine
Stimme neben sich reden.
"Denke
an eine kranke Frau, die im Straßengraben starb", sagte die Stimme neben
ihm, "es war eine Paria, und die Pest hatte sie angesehen aus ihren hohlen
Augen, und sie flehte die Menschen an, sich ihres Kindes anzunehmen, aber
niemand half ihr. Da kam der alte Mann und nahm das Kind in seine Arme und trug
es in die Berge von Tibet. Denke daran, Mantao, mein Königsgaukler."
Es war
sein Engel, der neben ihm stand und redete. Mantao hörte seine Stimme, aber er
sah seinen Engel nicht.
Da gedachte
er der Königin der Ferne und seines Schildes, und er erhob seinen Schild und
hielt ihn über dem kleinen Affen. Es war das erste Geschöpf, über dem Mantao,
der Königsgaukler, seinen Schild hielt.
Der
kleine Affe hörte auf zu jammern. Er liess sich von Mantao aufnehmen und
schlang die dünnen, schwachen, befellten Arme um seinen Hals.
"Dieser
Schild von einfacher Arbeit und geringem Ansehn muss eine seltsame Zauberkraft
enthalten", dachte Mantao, und eine Ahnung stieg in ihm auf, welch eine
heilige Aufgabe es ist, solch einen Schild zu tragen und ihn zu halten über
allem, was atmet.
Nun
hatte Mantao seinen Weggenossen gefunden, und er ging mit dem kleinen Affen
seinen Pfad weiter.
Der
Engel ging unsichtbar neben ihnen.
"Ein
kleiner Affe ist dein Begleiter", sagte er, "siehe, nun werden die
Menschen über dich lachen und sagen, dass du ein Gaukler bist, wenn du ein
Schild und Schwert trägst und ein Affe dich geleitet. Lass es die Menschen
sagen. Du bist doch ein König, größer als alle ihre Könige, Mantao, mein
Königsgaukler."
Über den
Sternen reichten sich eine Menschenmutter und eine Affenmutter die Hände, ein
alter Mann mit einer sonderbaren spitzen Mütze freute sich, und die Königin der
Ferne flocht sich einen funkelnden Edelstein in ihr Diadem.
Die Straße
des Lebens, die Mantao, der Königsgaukler betreten hatte, was staubig und
hässlich für einen, der vom samtenen Pflanzenteppich der indischen Wildnis kam
und von den schneegewaschenen Bergwegen Tibets. Zögernd setzte Mantao seinen
Fuß auf den Pfad, den Tausende und Abertausende vor ihm gegangen waren und den
er nun ging, selber nur einer von Tausenden. Fast sehnte er sich nach der
reinen Einsamkeit der Berge, aber er war jung, und das Leben auf der Straße war
bunt, lärmend und farbenfroh, und seine Jugend spann Fäden in dieses fremde
Leben hinein. Das Äffchen lief neugierig und ein wenig ängstlich neben ihm her.
Immer
bunter und gedrängter wurde die Strasse des Lebens, je weiter die beiden
Weggenossen wanderten. Sauberer und schöner wurde sie nicht, aber man gewöhnte
sich nun allmählich daran. Unzählige Menschen, Männer, Frauen und Kinder,
liefen durcheinander, alle verschiedenartig gekleidet und geartet. Es waren
viele darunter von Mantaos Bronzefarbe, die still ihres Weges gingen und selten
und leise sprachen, das waren die Menschen Indiens. Gelbe kleine Menschen mit
kurzen Beinen und geschlitzten Augen waren dabei, die schrien und schwatzten,
und schöne ruhige Gestalten von weißlich schimmernder elfenbeinerner Hautfarbe
ritten auf geschmückten Dromedaren, deren Köpfe bei jedem Schritt nickten, so
dass die kleinen silbernen Glocken am Halfter zusammenklangen. Das waren fremde
Reisende aus den fernen Ländern um Samarkand. Zwischen all der schweigenden und
schwatzenden Menge aber zog sich wie eine endlose Kette die Reihe von
Ochsenkarren, die, mit allerlei Warenballen beladen, langsam und bedächtig die
knarrenden und quietschenden Räder durch den Staub der Straße schoben. Einige
trugen bunte Zelte mit flatternden Wimpeln, mit Teppichen verhangen, aus denen
zuweilen ein verschleierter Frauenkopf hervorschaute, um schnell wieder zu
verschwinden, oder ein Papagei mit einem Gefieder von grellem Grün, Gelb und
Rot erschien und ärgerlich und erbost auf die Vorübergehenden schimpfte. Das
freute das kleine Äffchen, so dass es grinste und sich die Hände rieb vor
Vergnügen. Aber bald wurde es müde, und Mantao nahm es auf den Arm.
"Seht
den Gaukler", schrien die Leute, "er trägt Schild und Schwert und
einen Affen auf den Armen!"
Das
waren die ersten Worte, die Mantao von den Menschen hörte.
"Seht
den Gaukler, Gaukler, Gaukler", kreischte ein bunter Papagei und wackelte
spaßhaft mit dem Kopfe hin und her, wie ein Gelehrter, der seinen Tadel und
sein Missfallen zum Ausdruck bringt.
"Könnt
ihr so genau Könige und Gaukler unterscheiden?" fragte Mantao und
lächelte. Sein Lächeln aber war nicht das Lächeln eines Gauklers.
"Selten
haben Gaukler so schöne Züge und so ebenmäßige Glieder", sagte eine Frau
aus Sarmakand und lugte aus ihrem Zeltteppich hervor.
"Er
redet sonderbar und er ist seltsam gekleidet, ähnlich wie die einsamen Weisen
von Tibet", sagte jemand aus dem Volkshaufen, "lasst ihn in Ruhe
seinen Weg wandern, vielleicht ist er ein Heiliger und sein Fluch kann euch
treffen."
"Mir
scheint, er ist kein Heiliger", sagte die Frau aus Sarmakand und zog den
Teppich ihres Zeltes wieder zu.
"Ich
fluche euch nicht", sagte Mantao, "wie soll ich euch fluchen, da ihr
nicht wisst, ob einer ein König, ein Gaukler oder ein Heiliger sei? Aber sagt
mir, wohin führt diese breite und staubige Straße, auf der sich so viele
Menschen drängen, als gelte es, ein herrliches Ziel zu erreichen?"
"Fragst
du, wo du doch selbst diese Straße wanderst?" rief ein Krämer, der seine
reichbeladenen Ochsenkarren führte, "du bist doch wohl ein Gaukler, dass
du eine Straße gehst ohne Zweck und Ziel und ohne zu wissen, wohin dich dein
Weg führt."
"Viele
glauben ein Ziel und einen Zweck zu haben, aber des Lebens Zweck und Ziel liegt
nicht in deinen beladenen Ochsenkarren, viele glauben ihren Weg zu gehen und
ihren Weg zu kennen und wandern doch nur dahin, wohin die Fäden sie
ziehen" , sagte ein alter Bettelmönch und murmelte Gebete vor sich hin.
Ein
kleines Mädchen spielte mit einem Ball und warf ihn gerade vor Mantaos Füße.
"Es
ist die Stadt der bunten Lampen, wohin wir wandern", sagte es.
Da
tauchte ein violetter Schein ins verglimmende Abendrot, immer dunkler und
dunkler hasteten die Schatten der Dämmerung über das Land, und in der Ferne der
breiten Straße lohten die ersten Lichter auf von der Stadt der bunten Lampen.
Es war
Nacht geworden, als sie in der Stadt der bunten Lampen anlangten. Aber in der
Stadt der bunten Lampen feierte man keine Nachtruhe. Durch die krummen engen
Gassen fluteten die Menschen mit festlichen Lichtern in den Händen, die sie auf
hohen Stangen trugen, und hoch über der drängenden Menge schwankten Baldachine
von Samt und Seide auf den breiten Rücken geschmückter Elefanten. Es war, als
sei die ganze breite Straße des Lebens in einen wirren Knäuel zusammengeworfen
worden und strahlte all die zuckenden Lichter in ihrer vielartigen Wesenheit
aus.
Vor den
kunstvoll geschnitzten hölzernen Toren der Häuser brannten bunte Lampen in
allen Farben, und aus den verhangenen Fensteröffnungen drang ein mattes
verschleiertes Licht und der gedämpfte Klang leiser Saiteninstrumente.
Mantao
irrte ratlos mit dem kleinen Affen auf dem Arm durch all die unbekannte Wirrnis
in der Stadt der bunten Lampen. Niemand beachtete ihn hier, und er wagte niemand
um eine Herberge anzugehen, denn alle die Menschen erschienen ihm voller
Unrast, er aber suchte Ruhe und ein Dach, unter dem Stille und Frieden war.
Schon
wollte er Stadt der bunten Lampen verlassen und draußen auf dem Felde schlafen,
als er ein junges Mädchen erblickte, das vor seinem Hause unter einer bunten
Lampe stand und ihn aus neugierigen Augen musterte. Ihre bronzenen Glieder
waren mit goldenem Schmuck und zierlichen Ketten behangen, und im kunstvoll
geflochtenen Haar trug sie einen Kranz von roten Blüten, die Mantao nicht
kannte und die einen betäubenden Duft ausströmten. Der goldene Schmuck und die
Ketten klirrten, wenn das Mädchen sich regte, und schon wollte Mantao sich
abwenden und weitergehen, denn die Fremde erschien ihm so fremd wie die anderen
in der Stadt der bunten Lampen. Da schaute er ihr in die Augen und sah, dass
diese Augen, so laut auch alles um sie her war, still und ruhig und tief waren,
ähnlich den Bergseen in Tibet.
"Willst
du mir eine Herberge geben?" fragte Mantao, "mir und dem Affen auf
dem Arm?"
"Gerne",
sagte das Mädchen und lachte, "tritt ein in mein Haus. Ich bin Myramar,
die Tänzerin, und ich habe nichts gelernt als lachen und die bunten Lampen in
meinem Hause anzuzünden."
"Einmal
wirst du weinen lernen, und deine bunten Lampen werden erlöschen", sagte
Mantao, "siehe, ich bin Mantao, ein König aus den Bergen von Tibet, aber
die Menschen auf der Straße haben mich einen Gaukler genannt. Ich danke dir für
deine Herberge, aber ich habe keinen Lohn dafür zu geben als den Segen
Brahmas."
"Ich
will keinen Lohn von dir", sagte die Tänzerin, "denn ich liebe dich
Mantao, mein Königsgaukler."
Da war
es Mantao, als habe die Tänzerin etwas in ihm erkannt, was in ihm war, als sie
ihn mit diesem Namen nannte, und er folgte ihr in ihr Haus. Seidenweiche
Teppiche lagen darinnen ausgebreitet auf dem Fußboden, so dass man darüber
hinwegschritt auf lautlosen Sohlen, Brot und Früchte lagen auf einem kleinen
Tischchen aus vergoldeten Rosenholz, und an der Wand stand, von einem schweren
Vorhang halb verborgen, eine purpurrote Lagerstatt, überstreut mit den gleichen
roten Blumen, die das Mädchen im Haar trug. Über allem aber lag das matte Licht
einer Ampel aus Alabaster.
"Willst
du dem Affen die gleiche Herberge geben wie mir?" fragte Mantao.
Da
lachte die Tänzerin, dass ihre weißen Zähne zwischen den dunklen Lippen
blitzten, nahm den kleinen Affen auf den Schoß und fütterte ihn mit Früchten
von dem Tisch aus Rosenholz.
"Dafür
will ich einmal meinen Schild über dir halten, wenn deine Lampe erloschen
ist", sagte Mantao, der Königsgaukler.
"Rede
nicht von erloschenen Lampen", sagte die Tänzerin, "siehe, dies ist
die Stadt der bunten Lampen, und über sie herrscht Prinzessin Amaranth. Wir
dürfen lachen, tanzen, und unsere bunten Lampen brennen Nacht für Nacht, aber
wir dürfen nicht von erloschenen Lampen reden, das hat Prinzessin Amaranth
verboten in ihrem Reich."
"Einmal
müssen alle bunten Lampen erlöschen", sagte Mantao, "es ist besser,
davon zu reden, als zu schweigen. Wohin gehen denn die von euch, deren Lampen
erloschen sind?"
"Es
gibt noch eine Stadt der erloschenen Lampen", sagte die Tänzerin,
"aber Prinzessin Amaranth hat verboten, davon zu reden. Ich will auch
nicht davon reden, denn meine bunten Lampen brennen und ich will tanzen und
lachen, denn etwas anderes habe ich nicht gelernt."
Sie
setzte den kleinen Affen mitten zwischen lauter seidene gestickte Kissen und
begann zu tanzen, erst langsam, dann schneller und immer schneller, dass der
goldene Schmuck und die feinen Ketten an ihren bronzenen Gliedern klirrten und
die duftenden Blüten eine nach der anderen aus ihren Haaren fielen. Das Äffchen
freute sich und schlug den Takt mit dem langen Schwanz dazu, den es abwechselnd
auf- und zusammenrollte, je nach den Klängen der Melodie. Die Melodie aber war
die eines uralten indischen Liebesliedes.
Immer
leiser und leiser wurden die Klänge des alten indischen Liebesliedes, das die
Tänzerin vor sich hinsummte, und als es zu Ende war, da neigte sich Myramar und
küsste Mantao, den Königsgaukler. Über ihnen brannte die Ampel von Alabaster,
und um sie war die Nacht, Indiens weiche samtene Nacht mit ihren tausend Träumen
und abertausend Wundern...
Gegen
Morgen erwachte Mantao von einem Rascheln in der Ecke des Zimmers, wie wenn große
Elefantenohren sich bewegen. Da stand der Kleine mit den Elefantenohren,
bewegte die Ohren hin und her und raschelte vernehmlich damit.
"Siehe",
sagte der Kleine mit den Elefantenohren, "ich hörte mit meinen
Elefantenohren -- der Erhabene segne Mammamutra und seine Kinder und
Kindeskinder--, ich hörte, wie deine Lotosblume feine Fäden spann zu diesem
Mädchen in der Stadt der bunten Lampen. Es ist nur eine Tänzerin, keine
Königsgenossin, aber sie hat dir Herberge gegeben aus Liebe, sie hat deinen
kleinen Affen in seidene Kissen gebettet. Zerschneide ihren Faden nicht ganz,
mein Königsgaukler."
Mantao
schaute auf die schlafende Tänzerin.
"Ich
will meinen Schild über ihr halten, wenn ihre Lampe erloschen ist", sagte
er.
Der
Kleine mit den Elefantenohren raschelte und verschwand auf die gleiche
rätselhafte Weise, wie er gekommen war.
Um diese
Zeit begab es sich, dass Prinzessin Amaranth in ihren Zauberspiegel schaute, um
zu erkunden, welche Fremdlinge wieder in ihre Stadt der bunten Lampen gekommen
waren. Denn Prinzessin Amaranth war eine Zauberin, und den Spiegel hatte sie
von ihrem alten Oheim geerbt, der ein so böser Zauberer war, dass er schließlich
vor lauter Bosheit zerplatzt war und nichts mehr von ihm übriggeblieben war als
nur dieser Spiegel. Der Spiegel aber war aus feinstem blankgeschliffenen
Silber, mit allerlei seltsamen Zeichen versehen, und wenn Prinzessin Amaranth
hineinschaute, so erblickte sie darin alles, was es Neues gab in der Stadt der
bunten Lampen und was es für sie wert war, es zu wissen oder gar zu besitzen. Das
alles sah sie in kleinen scharfen Bildern und in allen Farben des Lebens.
Als nun
Prinzessin Amaranth wieder in ihren Zauberspiegel schaute, sah sie all die
vielen Menschen, Dromedare und Ochsen, die in die Stadt der bunten Lampen
gekommen waren, aber es war nichts darunter, was sie zu besitzen wünschte. Größere
und klügere Menschen beherrschte sie als jene, die gekommen waren, und ihre
Zugochsen und Reittiere waren schöner und edler als die anderen von Hindostan
und von Samarkand. Schließlich aber erblickte sie Mantao, den Königsgaukler, in
ihrem Spiegel. Sie sah ihn auf seinem purpurnen Ruhebett liegen, und neben ihm
an die Wand gelehnt standen sein Schild und sein Schwert.
"Diese
Waffen muss ich besitzen!" rief Prinzessin Amaranth und erblasste vor Erregung.
"Wenn ich diesen Schild habe, wird er nicht mehr über allem gehalten, was
atmet, und seine Schützlinge gehören mir, und mit diesem Schwert weise ich
selbst die letzten Engel hinweg von der Stadt der bunten Lampen. Wenn ich aber
den Mann beherrsche, der beides trägt, dann will ich stolzer sein als alle
Königinnen von Hindostan bis Ophir."
Da rief
Prinzessin Amaranth ihr Gesinde und sandte Boten aus, zu erkunden, wer jener
Mann sei, der im Hause der Tänzerin Herberge genommen und so kostbare Waffen
führe.
Die
Boten kamen wieder, lachten und berichteten, es wäre ein Gaukler mit einem
Äffchen und seine Waffen wären schmucklos und einfach und keines Königs Wehrgehänge.
Der Gaukler aber hieße Mantao.
Prinzessin
Amaranth hatte diesen Namen schon lange in ihren geheimen Büchern gelesen, und
sie wusste seine Deutung.
"Narren
seid ihr", rief sie, "es ist kein Gaukler, sondern ein König, und mit
königlichen Ehren will ich ihn empfangen. Meine vornehmen Ritter sollen ihn vor
meinen Thron bitten, holt allen Reichtum meines Palasts, den seine Gewölbe
bergen, herbei, ich will mich schmücken für ihn, wie ich mich noch niemals für
jemand geschmückt habe!"
Da
gingen die Ritter, um Mantao, den Königsgaukler, zu holen. Prinzessin Amaranth
aber kleidete sich in ihr herrlichstes Gewand, das über und über mit Perlen
bestickt war, und setzte sich ein Diadem von Opalen aufs Haupt.
Als nun
die Gesandten Amaranths zum Hause der Tänzerin kamen, verneigten sie sich viele
Male und baten Mantao, er möge ihnen zum Throne der Prinzessin folgen.
"Ich
muss Abschied von dir nehmen", sagte Mantao zur Tänzerin, "Prinzessin
Amaranth ruft mich zu sich an ihren Thron. Habe Dank für deine Herberge und
deine Liebe."
Da
weinte die Tänzerin Myramar, die gestern noch gelacht hatte.
"Siehe",
sagte Mantao, "ich darf keinem und keiner gehören. Ich bin ein
Schildträger Brahmas und muss meinen Pfad wandern als ein Einsamer, um meinen
Schild zu halten, über allem was atmet. Wir folgen alle den Fäden, bis wir sie
gelöst haben. Aber den Faden, den deine Seele zu meiner Seele spann, will ich
nicht zerreissen. Der Erhabene segne dich. Ich will meinen Schild über dir
halten, wenn deine Lampe erlöscht."
Da nahm
Myramar, die Tänzerin, Abschied von Mantao, dem Königsgaukler.
Mantao
aber nahm seinen Schild und sein Schwert, hob den kleinen Affen auf seine Arme
und folgte den Gesandten zum Palast der Prinzessin Amaranth.
Als
Mantao den Königssaal betrat, stieg Prinzessin Amaranth die Stufen ihres Throns
herab und neigte sich vor ihm. "Noch niemals hat ein so königlicher Mann
diesen Saal betreten", sagte sie, "aber mich dünkt, deine Waffen sind
nicht eines Königs Waffen, sondern die Waffen eines Gauklers. Lege sie ab und
wähle dir aus meiner Waffenkammer das, was dir am schönsten erscheint."
Mantao
sah sich um und erblickte zu seinen Füssen die herrlichsten Waffen, Schilde und
Schwerter von solchem Glanz und von so kunstvoller Arbeit, wie er sie noch nie
gesehen. Der kleine Affe aber wimmerte leise und verkroch sich unter Mantaos
Schild. Mantao fasste seinen Schild und sein Schwert fester.
"Diese
Waffen gebe ich nicht her", sagte er, "es sind heilige Waffen, wenn
sie dir auch als eines Gauklers Waffen erscheinen."
"Ich
will mich gerne von dir belehren lassen", sagte Prinzessin Amaranth,
"behalte deine Waffen, wenn es dir beliebt, aber bleibe bei mir in meinem
Königsschlosse und sei mein Gemahl. Alle Macht, die in meinen Händen ist, will
ich dir schenken und dir dienen, und du sollst die Stadt der bunten Lampen noch
bunter und lachender gestalten als jetzt."
Die
Minister machten noch dümmere Gesichter als sonst, als sie hörten, der Gaukler
im seltsamen, ärmlichen Gewand solle ihr König werden. Nur ein Minister, ein
hässlicher dürrer Mann mit einem einzigen Auge auf der Stirn, lächelte listig
und wandte sich zu Prinzessin Amaranth.
"Es
nützt dir nichts", flüsterte er, "wenn er auch dein Gemahl wird.
Seine Waffen werden herrschen über dich und über die Stadt der bunten Lampen.
Du musst ihn von dem Affen trennen, über den er zuerst seinen Schild gehalten
hat. Dann hast du ihn entwaffnet, und du wirst herrschen über ihn und über ganz
Indien."
Mantao
sah die Königin an, und er sah, dass sie sehr schön war. Er wusste auch, dass
es eine große Macht war, die ihm angeboten wurde.
"Siehe,
wie ich mich für dich geschmückt habe", sagte Prinzessin Amaranth und
lächelte demütig. "Mein schönstes Diadem habe ich für dich angelegt, und
in mein herrlichstes Perlengewand habe ich mich gekleidet. So habe ich mich
noch niemals für jemand geschmückt, Mantao, mein König!"
"Prinzessin
Amaranth", sagte Mantao, "mir scheint, die Perlen deines Diadems sind
kalte Steine, in denen sich kein Sonnenlicht verfangen. Sie sind matt und
schillernd wie Schlangenleiber. Ich habe schönere Diademe als dieses
gesehen."
Da nahm
Prinzessin Amaranth das Diadem aus ihren Haaren und legte es vor sich in den
Staub.
"Prinzessin
Amaranth", sagte Mantao, "mir scheint, die Perlen deines Gewandes
sind Tränen, die geweint wurden. Prinzessin Amaranth, du redest nur von einer
Stadt der bunten Lampen. Gibt es nicht auch eine Stadt der erloschenen Lampen
in deinem Königreich?"
"Ich
weiß es nicht", sagte Prinzessin Amaranth und erblasste, "aber wenn
du die Stadt der erloschenen Lampen findest -- siehe, sie soll dir gehören, und
du magst sie so glücklich machen, dass sie wieder eine Stadt der bunten Lampen
wird."
Mantao
zauderte und überlegte.
"Nur
um eines bitte ich dich", flüsterte Prinzessin Amaranth, und ihre Lippen
bebten, denn sie wusste, das alles für sie von der Gewährung dieser Bitte
abhing.
"Was
ist es, worum du mich bittest, Prinzessin Amaranth?"
"Trenne
dich von dem Affen. Siehe, es ist ein kleines hässliches Tier, und ich will
nicht, dass Gassenkinder meinem königlichen Gemahl nachlaufen, dass ihn das
Volk einen Gaukler nennt und ihn verachtet."
Mantao
erblasste bis in die Lippen. Er sah den kleinen Affen auf seinem Arm an, und
dann schaute er Prinzessin Amaranth lange und tief in die Augen.
"Mir
scheint, in den Augen des Affen ist Brahmas ewiges Leben, das keine Verachtung
kennt. Mir scheint, des Affen Augen sind schöner als deine Augen, Prinzessin
Amaranth."
So
wandte sich Mantao, der Königsgaukler, und verliess den Palast der Prinzessin
Amaranth und die Stadt der bunten Lampen. Und niemand wagte, ihn zu halten.
Prinzessin
Amaranth aber raste vor Wut und Enttäuschung und sie bot ihr ganzes Heer auf
gegen Mantao und seinen Affen. "Bringt mir beide, den Gaukler und seinen
Affen, tot oder lebendig, dass ich meine Schmach in seinem Blute abwaschen
kann!"
Da
brachen Reiter und Fußvolk auf und eilten Mantao nach und sie erreichten ihn in
einer öden Gegend, die zwischen der Stadt der bunten Lampen und der Stadt der
erloschenen Lampen lag. Es war Nacht, und die Trompeten Amaranths riefen
gellend zum Kampf gegen den Gaukler und seinen Affen.
Da
wandte sich Mantao, der Königsgaukler, und hielt seinen Schild über dem kleinen
Affen. Sein Schwert aber erhob er zum ersten Male hoch über sein Haupt, und aus
dem Schwert sprangen furchtbare Flammen, denen keiner zu nahen wagte. Ein
namenloses Grauen ergriff das ganze Heer, und Reiter und Fußvolk jagten in
wilder Flucht zurück zum Palast der Prinzessin Amaranth.
Mantao,
der Königsgaukler, stand noch lange und ruhig und unbeweglich. Er hielt seinen
Schild über dem kleinen Affen, und die furchtbaren Flammen seines Schwertes
lohten durch die dunkle Nacht.
DIE STADT DER ERLOSCHENEN LAMPEN
Mantao,
der Königsgaukler, ging seinen Pfad weiter, und je näher er der Stadt der
erloschenen Lampen kam, um so mehr Menschen gingen mit ihm den gleichen Weg. Es
waren stille traurige Menschen, und in ihren Händen hielten sie erloschene
Lampen.
"Wohin
führt dieser Weg, den ihr alle so still und traurig geht?" fragte Mantao
seine stummen Begleiter, aber niemand antwortete ihm.
Endlich
gesellte sich ein kleines Mädchen zu ihm, das eine zerbrochene Puppe trug und
leise weinte. Es deutete mit der Hand auf graue Tore und Mauern, die in dickem
Nebel lagen, und sagte: "Das ist die Stadt der erloschenen Lampen."
Da
wusste Mantao, der Königsgaukler, dass er den richtigen Weg ging, wohin die
feinen Fäden seiner Lotosblume ihn zogen.
Als sie
nun in der Stadt der erloschenen Lampen angekommen waren, suchte Mantao eine
Herberge für sich und seinen Affen. Eine solche war leicht zu finden, denn es
war viel Raum in der Stadt der erloschenen Lampen, verfallene Paläste und
Tempel, morsche Häuser und tiefe, leere Kellergewölbe, in denen einstmals
reiche Schätze gelagert haben mochten.
Mantao
brachte sich und den kleinen Affen in einer alten Tempelhalle unter, deren
Säulen morsch und geneigt dastanden, als trügen sie eine schwere Schuld
vergangener Tage, und in deren dunkler Nische ein Bildnis Brahmas stand. Es war
ein schönes vergoldetes Bild, aber das Gold war matt und die Spinnen spannen
ihre Netze um den Gott Indiens. Mantao störte die Spinnen nicht, denn Brahma
selbst erlaubte es ihnen ja, ihre Silberfäden um das erloschene Gold seines
Hauptes zu weben.
Keine
Lampe brannte in der Stadt der erloschenen Lampen, still und traurig gingen die
Menschen ihrer Arbeit nach, und bedrückt suchten die Tiere ihre wenige Nahrung.
Auch sie waren ja mit ihren menschlichen Brüdern verbunden mit feinen Fäden,
denn es ist alles verkettet in der großen Kette der Dinge und alles miteinander
versponnen im Teppich des Lebens.
Mantao
aber ging durch die erstorbenen Gassen und tröstet die stillen und traurigen
Menschen und redete mit ihnen von ihren erloschenen Lampen und wie man sie
einmal wieder zum Brennen bringen könne. Er redete auch mit den Tieren, er half
ihnen ihre Nahrung zu suchen und erzählte ihnen von einem schönen Garten, in
den sie einmal wieder kommen würden. Den Kindern aber fertigte er Spielzeug aus
Scherben und kleinen Steinen und lehrte sie damit zu bauen.
Seit der
Zeit wurde weniger geweint in der Stadt der erloschenen Lampen. Der kleine Affe
wanderte getreulich mit Mantao und redete auch in seiner Weise mit den Menschen
und Tieren, eifrig und mit erläuternden Bewegungen seiner Arme, Beine und
seines Schwanzes. Da geschah es, dass zum ersten Male wieder ein Kind lachte in
der Stadt der erloschenen Lampen. Der Erhabene aber segnete Mantao, den
Königsgaukler, um die verminderten Tränen und den kleinen Affen um ein
wiedererwecktes Lachen. Denn es war beides eine göttliche Aufgabe.
Die
Häscher der Prinzessin Amaranth aber durchzogen häufig die Straßen, quälten und
peinigten die Menschen und drohten ihnen, dass sie ja nichts verlauten lassen
sollten von ihrer Stadt und ihren erloschenen Lampen, dass ja keine Klagen und
keine Tränen in die Stadt der bunten Lampen hinüberdrängen und zum Palast der
Prinzessin. Wenn sie aber jemand fanden, von dem sie glaubten, dass er die
Stadt der erloschenen Lampen verraten und die Kunde von ihr hinaustragen könne,
dann banden sie ihn und warfen ihn ins tiefste Verlies, aus dem keine Tränen
und keine Klagen mehr den Weg finden konnten. Denn es war ein Geheimnis um die
Stadt der erloschenen Lampen und niemand sollte darüber reden.
Eines
Tages aber geschah es, dass die Häscher wieder jagten, und sie hatten eine
junge Frau ergriffen, die mit ihrer erloschenen Lampe durch die Gassen irrte,
und wollten sie fesseln vor der alten Tempelhalle, in der Mantao mit seinem
Affen lebte. Mantao trat herzu und hielt seinen Schild über sie, und die
Häscher flohen.
Da
schaute die Frau mit der erloschenen Lampe Mantao ins Gesicht, und der
Königsgaukler erkannt sie.
"Nun
ist deine Lampe auch erloschen, Myramar, meine kleine Tänzerin", sagte er.
"Meine
Lampe ist erloschen, als du aus der Stadt der bunten Lampen hinweggingst",
sagte die Tänzerin und neigte sich vor ihm.
Der
kleine Affe aber rieb sich die Hände und freute sich sehr, denn er hatte es
nicht vergessen, dass er vom Tische der Tänzerin gegessen und auf ihren
seidenen Kissen geschlafen hatte.
"Sagte
ich dir nicht, dass du weinen lernen würdest und dass deine Lampe erlöschen
würde?" fragte Mantao. "Nun komm zu mir in meine Herberge, wie ich
einmal zu dir in deine Herberge kam."
"Ich
will dir dienen", sagte die Tänzerin Myramar, und ihre Augen leuchteten.
"Mir
kann keiner und keine dienen", sagte Mantao, "siehe, ich bin ein
Schildträger Brahmas, und ich darf keinem und keiner gehören. Diene nicht mir,
aber diene mit mir meiner Aufgabe in der Stadt der erloschenen Lampen."
Da
reichte ihm die Tänzerin Myramar beide Hände.
Mantao,
der Königsgaukler, aber küsste sie auf die Stirne und führte sie über die
Schwelle seines verfallenen Tempels.
Seit
jeder Stunde kamen die Häscher der Prinzessin Amaranth nicht mehr in die Stadt
der erloschenen Lampen.
Myramar,
die Tänzerin, folgte von nun an Mantao, dem Königsgaukler, auf allen Wegen zu
Menschen und Tieren und abends, wenn die Schatten der Dämmerung die Halle des
verfallenen Tempels füllten, kauerte sie zu seinen Füssen und hielt den kleinen
Affen auf ihrem Schoß. Sie redeten im Dunkeln miteinander, denn es brannte kein
Licht in der Stadt der erloschenen Lampen.
"Mantao,
mein Liebster, Mantao, mein Königsgaukler", sagte die Tänzerin,
"werden wir immer im Dunkeln miteinander reden? Werden die Lampen niemals
wieder brennen in dieser Stadt der erloschenen Lampen?"
"Siehe,
Myramar, meine kleine Tänzerin", sagte Mantao, "dies ist eine Frage,
die du nicht mich, sondern deinen Gott fragten musst. Brahmas Bildnis steht vor
dir. Frage es."
"Darf
eine Tänzerin einen Gott fragen?" erwiderte Myramar.
"Es
ist gleich, ob du eine Tänzerin oder eine Heilige bist, wenn du deinen Gott
fragen willst", sagte Mantao. "Jeder darf ihn fragen, dessen Lampe
erloschen ist. Ich aber will gehen und dich alleine lassen in dieser Nacht, in
der du deinen Gott fragen willst."
Und
Mantao, der Königsgaukler, nahm den kleinen Affen auf den Arm und ging von ihr
und ließ sie allein.
Die
Tänzerin aber kniete vor Brahmas Bildnis und fragte ihren Gott. Stunde um
Stunde verrann, doch es kam keine Antwort. Die Nacht wurde dunkler und immer
dunkler, und ihre grauenhafte Schwärze verschlang das verblichene Gold auf dem
göttlichen Bildnis, und die Tänzerin Myramar sah nichts als Finsternis um sich
herum. Stunde um Stunde verrann in Nacht und Dunkel. Endlich aber fiel das
Mondlicht auf die verfallene Tempelhalle und enthüllte der Tänzerin ihren Gott.
Da
schaute sie auf und sah, dass die Augen in Brahmas Bildnis zu leben begannen
und dass seine Lippen lächelten.
Viele
Jahre waren vergangen, und Mantao war alt und müde geworden. Auch der kleine
Affe spielte nicht mehr wie sonst, durch sein braunes Fell zog sich das Silber
des Alters, und seine Augen hatten einen matten Schein.
Da
raschelte es in der Luft, und vor ihnen stand der Kleine mit den
Elefantenohren. "Der Erhabene segne Mammamutra und seine Kinder und Kindeskinder",
sagte der Kleine, "Mantao, mein Königsgaukler, du bist alt und müde
geworden, und der Affe neben dir sehnt sich nach dem Paradies der Affen in
Brahmas Schoß. Siehe, ich klappte meine gewaltigen Elefantenohren auf und ich
hörte, wie die Fäden deiner Lotosblume sich sanft und leise zurückspannen von
dieser Erde. Der Teppich deines Lebens ist ausgewirkt, gehe nun heimwärts auf
deinen heiligen Berg, von dem du gekommen bist."
Da
atmete Mantao tief auf und dankte dem Kleinen mit den Elefantenohren für seine
Botschaft.
"Ich
will noch eine Nacht in der Stadt der erloschenen Lampen bleiben und Brahma für
sie bitten", sagte Mantao, "morgen aber will ich mich aufmachen und
meinen heiligen Berg suchen."
"Siehe,
ich hörte mit meinen Elefantenohren, dass du durch eine Wüste hindurchschreiten
musst, ehe du zu deinem heiligen Berg gelangst. Hässliche Dämonen hausen darin,
höchst unangenehme und unerfreuliche Leute, und ich möchte nicht mit ihnen zu
tun haben. Aber du bist ja stark, Mantao, mein Königsgaukler. Brahma sei mit
dir und deinem Affen, wenn du die letzten Fäden am Teppich deines Lebens
wirkst. Ich aber will mich in meine Elefantenohren legen und schlafen. Weich
und warm sind diese Ohren -- der Erhabene segne Mammamutra und seine Kinder und
Kindeskinder, seine entferntesten Verwandten und die kleinsten Säuglinge seiner
ganzen Elefantensippe!"
Mit
diesen Worten verschwand der Kleine mit den Elefantenohren raschelnd in der
Luft.
Am
anderen Morgen aber nahm Mantao, der Königsgaukler, Abschied von der Tänzerin
Myramar. "Siehe, ich muss Abschied nehmen", sagte er, "und es
ist ein Abschied für dieses Leben. Denn ich muss auf meinen heiligen Berg
wandern und die letzten Fäden am Teppich meines Lebens wirken."
"Darf
ich nicht mit dir gehen?" fragte die Tänzerin.
"Deine
Zeit ist noch nicht gekommen", sagte Mantao, "siehe, du musst warten,
bis deine Lampe wieder brennt, und du musst den vielen anderen in dieser Stadt
von der Flamme deiner Lampe geben. Mich aber und meinen kleinen Affen wirst du
einmal wiedersehen im Königreich der Ferne. Der Erhabene segne dich, Myramar,
meine kleine Tänzerin und meine große Heilige."
Das war
das erste Mal, dass Mantao sie so genannt hatte, und er neigte sich zu ihr und
küsste sie viele Male zum Abschied.
Dann
nahm er Schild und Schwert, hob den Affen auf seine Arme und verließ die Stadt
der erloschenen Lampen. Von einem hohen Hügel vor der Stadt hielt er noch
einmal seinen Schild über sie. Dann wandte er sich und verließ Indien, das Land
der wirren Wunder, so wie er es einstmals betreten hatte: mit einem Schild und
einem Schwert, mit einer unsichtbaren Krone und einem kleinen Affen auf dem Arm
-- und ging in die Wüste.
Die
Tänzerin aber lag auf den Knien vor Brahmas Bildnis in namenloser Sehnsucht und
weinte jammervoll.
Als Mantao,
der Königsgaukler, in die Wüste gekommen war, da heulte es grauenvoll in der
Luft und drei scheußliche Dämonen tauchten vor ihm auf. Der erste hatte einen
Riesenkopf ohne Gliedmassen und glotzte mit hundert gierigen Augen nach allen
Seiten. Der zweite hatte hundert Füße und hastete mit grässlicher
Geschwindigkeit über den Sand, der dritte aber hatte hundert Hände, die in die
leere Luft griffen.
"Folge
mir", sagte der erste, "dann siehst du alles, was im Himmel und auf
der Erde ist."
"Hundert
äußere Augen sehen nicht das, was das innere Auge sieht", sagte Mantao.
"Gehe
mit mir", sagte der zweite, "dann erreichst du alles, was deine Augen
von Ferne schauen."
"Alle
Füße wandern nur dorthin, wohin die Fäden der Lotosblume sie ziehen",
sagte Mantao.
"Gib
mir die Hand", sagte der dritte, "dann hast du hundert Hände und
kannst alles greifen, wonach du begehrst."
"Ich
begehre nichts als eine unsichtbare Krone", sagte Mantao.
Da
erkannten die Dämonen, dass es Mantao, der Königsgaukler, war und dass er die
Geheimnisse des Lebens in sich trug. Und sie heulten vor Wut und vergruben sich
in den Sand ihrer Wüste.
Nun war
Mantao, der Königsgaukler, allein in der grenzenlosen Wüste mit seinem kleinen
Affen und er kannte die Grenze dieser Wüste nicht. Er wusste nicht, welchen Weg
er gehen solle, eine unnennbare Einsamkeit war um ihn, und er senkte ergeben
seine Waffen. Als er aber aufsah, erblickte er vor sich einen Engel -- und zum
ersten Male auf dieser Erde schaute Mantao, der Königsgaukler, seinen Engel von
Angesicht zu Angesicht.
"Ruhe
dich aus, Mantao, mein Königsgaukler", sagte der Engel, "du bist müde
von einer langen Wanderung. Morgen ist dein letzter Tag auf dieser Erde und du
musst deinen heiligen Berg suchen."
"Wie
werde ich den Weg finden?" fragte Mantao.
"Ich
werde dich führen", sagte der Engel.
Da legte
sich Mantao, der Königsgaukler, auf den Sand der Wüste und schlief ein. Sein
Engel stand neben ihm und bei dem kleinen Affen.
Aber im
Traumbild dieser letzten Erdnacht schaute Mantao, der Königsgaukler, nach
langen Jahren wieder zum ersten Mal die Königin der Ferne.
Am
anderen Tage führte der Engel Mantao und seinen Affen auf die Hochebene von
Tibet und es war Abend geworden, als sie oben angelangt waren.
"Siehe,
es ist Abend geworden, Mantao, mein Königsgaukler", sagte der Engel,
"und du stehst wieder vor der Hütte deiner Kindheit. Sie ist
zusammengesunken und verfallen im Wandel der Jahre, aber ich will gehen und sie
dir oben über den Sternen wieder aufbauen."
Damit
schied der Engel von ihm.
Mantao
aber neigte sich zur Erde Tibets und trank aus dem klaren Bergquell, aus dem er
als Kind getrunken hatte, und der Affe mit ihm. Die Hütte seiner Kindheit war
verfallen, aber der Quell seiner Kindheit rann so klar, so rein und unwandelbar
wie einstmals von den Bergen Tibets.
Als
Mantao sich satt getrunken hatte an der Quelle seiner Kindheit, da wandte er
sich von dieser Erde und wanderte seinen heiligen Berg Lischanna hinauf, den
gleichen Weg, auf dem er einmal dem alten Mann mit der sonderbaren spitzen
Mütze das letzte Geleit gegeben hatte. Er stieg höher und immer höher, auf dem
Gipfel des heiligen Berges aber lag Eis und ewiger Schnee und alles Land unter
ihm war verhüllt im Nebel. Da fühlte Mantao, wie ihn die Kräfte verließen, und
der kleine Affe in seinem Arm fror und jammerte leise.
"Nun
wollen wir zusammen sterben, mein kleiner Bruder", sagte Mantao, "wie
wir zusammen gelebt haben und zusammen gewandert sind auf dieser Erde."
"Sterben
ist ein Wort der Täler, ihr aber seid auf den Bergen", sagte eine Stimme
neben ihm.
Da
raffte Mantao sich auf und hielt zum letzten Male seinen Schild über dem
kleinen Affen.
Aus
Schnee und Eis aber blühte eine große Lotosblume auf und umfing mit ihren
weichen Blütenblättern Mantao, den Königsgaukler, und seinen kleinen Affen.
Schmerzlos und lautlos sanken ihre irdischen Körper in den Kelch der Blume und
wandelten sich in ihre Wesenheit. In neuen leuchtenden Leibern schritten die
beiden über den Sternenteppich der Nacht, und ihre inneren Augen schauten hoch
über allem, was lebt und atmet, die topasenen Tore und Türme der ewigen Stadt
des Erhabenen.
Noch
einmal blickte Mantao auf die verlassene Erde zurück. Da sah er tief unter sich
die Stadt der erloschenen Lampen. Er hörte, wie die Menschen unten seinen Namen
nannten, und er sah kleine, klare Flammen aufleuchten in ihren erloschenen
Lampen. Am schönsten aber brannte die Lampe der Tänzerin Myramar und einer nach
dem anderen entzündete seine erloschene Lampe an ihrer Lampe vor dem Bildnis
Brahmas. Auch die Tiere hatten kleine Lichtlein in sich, und es war, als trügen
sie bläuliche Leuchtkäfer im Fell und Gefieder.
Da
kniete Mantao, der Königsgaukler, nieder auf dem Sternenteppich der Nacht und
betete den Erhabenen an.
Zwischen
dem Sternenteppich der Nacht und der ewigen Stadt des Erhabenen aber tauchten
leuchtenden Ufer auf -- das war das Königreich der Ferne. An seinem Eingang
stand der Engel und baute Mantao die Hütte seiner Kindheit wieder auf, und ein
alter Mann mit einer sonderbaren spitzen Mütze half ihm dabei. Eine
Menschenmutter, die einst auf der Erde eine Paria war und mit der niemand
Erbarmen hatte als die Pest, wartet auf ihr Kind -- und eine Affenmutter winkte
von der höchsten Spitze der Palme.
Die
Königin der Ferne aber harrte in unsagbarer Schönheit ihres Königs in einem
heiligen Hain von Lorbeer und Rosen.
"Mantao,
mein Liebster, Mantao, mein Königsgaukler", sagte sie, "du hast meine
weißen Glieder mit deinen Gedanken gebaut, du hast mein Gewand mit deinen
Werken gewirkt und du hast mein Diadem mit Edelsteinen geschmückt auf deiner
einsamen Wanderung. Nun sind wir vereint auf eine lange Zeit, bis du wieder
einmal ausziehst, deinen Schild zu halten über allem, was atmet, und um
wiederum zu mir zurückkehren in Ewigkeit. Nun will ich dir deine unsichtbare
Krone aufsetzen, die keiner auf Erden sah. Siehe, es ist meine Krone, die du
geschmückt hast, denn ich bin du, Mantao, mein Liebster, mein
Königsgaukler."
Da
lehnte Mantao seinen Schild und sein Schwert an den Altar Brahmas zwischen
Lorbeer und Rosen. Die Königin der Ferne aber küsste ihn mit ihrer und seiner
Krone. Die Tränen, die er gemindert, waren Diamanten darin, das Blut, über dem
er seinen Schild gehalten, hing in roten Rubintropfen an seinem Diadem, und in
ihm funkelten die Lichter der erloschenen Lampen, die er wieder entzündet
hatte. Den schönsten Edelstein aber in seiner Krone hatte ein kleiner Affe
gespendet, der wieder in junger Kinderfreude zu seinen Füssen spielte.
Da
erfasste Mantao, was Seligkeit ist, und er barg das Haupt im Schoße seiner
Königin der Ferne.
Seht
ihr, das ist die Geschichte von Mantao, dem Königsgaukler. Es ist eine alte und
feierliche Geschichte, und es ist viele, viele tausend Jahre her, dass sie
geschehen ist. Aber ihr müsst nicht denken, dass das eine lange Zeit ist. Ist
es euch nicht, als wäre Mantao, der Königsgaukler, erst heute in einer
Lotosblume geboren? Ist es nicht heute gewesen, dass er niederstieg von den
Bergen Tibets in das Wunderland von Indien, in die Stadt der erloschenen Lampen
-- dass er sein flammendes Schwert erhob gegen das Heer der Prinzessin Amaranth
und seinen Schild hielt über der Tänzerin Myramar und seinem kleinen Affen? Ist
es nicht heute, dass ihm sein Engel die Hütte seiner Kindheit wiedererbaute
über den Sternen und dass er sein Haupt barg im Schoß der Königin der Ferne?
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