Haus der
Schatten, Garten der Geister
Aus meinem Leben / von Manfred Kyber
In: Münchner neueste Nachrichten 83 (1930) Nr.114 vom 27.4.1930, Seite
1-2
Manfred Kyber, der hervorragende
Dichter und Vorkämpfer für den Tierschutz in Deutschland, der kürzlich seinen
50.Geburtstag feierte, erzählt in folgendem Aufsatz aus seinem Leben.
Wenn man über das eigene Leben oder über das eines
anderen Menschen schreiben soll, so scheint mir das immer ein wenig mißlich.
Ich hatte stets den Eindruck, daß genauere biographische Daten uns eine
Persönlichkeit, wie sie geistig tatsächlich ist, eher ferner als näher rücken.
Das Wesentliche verliert sich in Einzelheiten, wird verdünnt und verwässert,
und das, was durch alle Phasen wandelt, wirkt allzu starr in einem
Augenblicksbild. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, das ja zudem noch nicht
abgeschlossen ist, so fühle ich nicht mehr als eine Reihe bunter und oft
verworrener Bilder, viel schwere Stunden und wenig lichte. Ich wüßte nicht,
welches dieser Bilder ich herausgreifen sollte, das wesentlicher wäre als die
anderen, das für sich allein stehen könnte ohne die ganze Kette der Dinge.
Gewiß gibt es Meilensteine auf dem mühsamen Weg des Daseins, aber auch sie sind
irgendwie miteinander verbunden. Wesentlich scheint mir mehr, was hinter dem
Leben spielte, was sich kaum merklich als Keim hineinsenkte, um einmal als
Frucht geboren zu werden für Werk und inneres Werden. Solche Keime in einem
Menschenleben beginnen früh sich zu regen.
Ich denke an das alte nordische Gutshaus, daß die
Welt meiner Kinderjahre war. War es nicht ein Haus der Schatten, wie das Haus
in meinem Buch "Die drei Lichter der kleinen Veronika"? Es war alt
und verbaut und weitläufig, viele Generationen hatten darinnen gewohnt, es
spukte ein wenig darin, verblichene Bilder hingen an den Wänden, der Kater
Mutzeputz war um mich und lehrte mich die Tierseele verstehen, wie ich sie
später so viele Male gestaltet und bekannt habe, und auf dünnen und
gebrechlichen Beinen, grau und unscheinbar, schlüpfte Magister Mützchen durch
die Dämmerung und öffnete mir die Pforte zum Märchenreich.
Ich muß bekennen, daß mir als Kind die Tiere und die
Märchengestalten oft wahrscheinlicher und lebendiger erschienen als die
Menschen, deren Ansichten mir vielfach fremd waren und an die ich mich erst
ganz allmählich gewöhnen konnte. Was dem Erwachsenen unwahrscheinlich war, war
mir wahrscheinlich und was ihnen als selbstverständlich galt, kam mir oft genug
sehr zweifelhaft und manches Mal lächerlich vor. Ich habe später eingeshen, daß
ich damit nicht so unrecht hatte. Der heutigen ungeistigen Zivilisation stehe
ich heute vielleicht noch ferner wie als Kind, Mutzeputz und Magister Mützchen
aber noch weit näher als damals. Denn was damals unbewußt und erahnt war, ist
mir heute bewußt, und aus dem Gefühl wurde Bekenntnis. Die Keime sind Frucht
geworden. Und war nicht nahe beim Hause der Schatten auch der Garten der
Geister? Ein Park mit alten Bäumen und Gärten mit Blumen, und überall das Leben
der Tiere, und noch weiter, darüber hinaus die einsamen nordischen Wälder mit
Tannen und Birken und weiten öden Mooren, über denen es seltsam geisterte und
geheimnis- volle Schleier wob.
Gewiß habe auch ich unendlich viel beobachtet, ganz
bewußt Menschen und Tiere betrachtet. Meine Tiergeschichten wären ohne solch
eine genaue und liebevolle Betrachtung gewiß nicht so gestaltet worden, wie sie
sind. Darum ist es auch falsch, hier, wie es vielfach geschieht, von Tierfabeln
allein zu sprechen. Es sind nicht Fabeln in jenem Sinn, der Tiere lediglich als
menschliche Figuren handeln läßt. Ich habe den Tieren die volle Eigenart, die
ich unendlich genau beobachtet habe, gelassen, aber ich habe mich nicht mit
dieser doch stets nur ziemlich äußerlichen Auffassung begnügt, sondern ich habe
die Möglichkeiten der Tiere intuitiv gesteigert, sie ein wenig hinaufgeschoben
und ausgebaut. Und diese Tiere sind ihrem inneren Wesen nach mehr Tiere als die
der äußeren naturwissenschaftlichen Schilderung, weil ihre gesteigerten
Möglichkeiten weit tiefer und liebevoller in die eigentliche Seele der Tiere
hineinführen als jede noch so sorgsame allein äußere Beobachtung. Es ist ja das
Wesen der wirklichen Dichtung, nicht beliebige Erfindung oder Betrachtung, wie
eine materialistische Scheinkultur glaubt, sondern es ist das Gestalten des
inneren Kerns und Wesens der Dinge. Damals erschienen mir Tiere vielleicht nur
so, und heute weiß ich es, daß sie so sind, und mit mir wissen es viele, die
Freunde dieser Tiergeschichten geworden sind. Im Übersinnlichen sind die Tiere
tatsächlich so, denn da sind sie gesteigert in ihrem Wesen, und wir begreifen
sie nur, wenn wir sie so erfassen in ihrer eingentlichen Wesenheit, nicht in
ihrer diesseitigen Äußerung.
Das gleiche gilt für das Märchen. Auch das Märchen,
daß ich als Kind erahnte im Hause der Schatten und im Garten der Geister, ist
mir heute bewußte übersinnliche Wirklichkeit, ist etwas vom Geheimnis aller
Natur und vom Jugendland der Menschheit, in das zurückzurufen heute vielleicht
die wichtigste geistige Aufgabe ist, denn die Menschen der Gegenwart haben den
Geist vom Verstand verdrängen lassen und sind Maschinen geworden statt
schöpferische Kinder des Alls. Und wenn ich den weiten und mühsamen Weg des
Lebens in Gedanken weiterwandere, wie er mich hinausführte aus dem Hause der
Schatten und dem Garten der Geister, immer weiter in die Dämmerung des Daseins
hinein, so vermag ich auch hier nicht einzelne Bilder zu greifen, sondern mir
ist, als müsse ich nur immer weiter den Fäden nachgehen, die sich unsichtbar
von Keim zu Keim und von Frucht zu Frucht gesponnen haben. Alles andere war
oftmals traurig und schwer, und selten war es schön und sonnig, aber wesentlich
war es eigentlich nicht. Wesentlich waren und bleiben allein die unsichtbaren
Fäden des Geschehens, die das Jenseitige ins Diesseitige wirkt, das Ewige ins
Zeitliche, und die uns einmal wieder hinausführen werden in das ferne Land, aus
dem wir kamen.
Quelle: manfred-kyber.de
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