GENIUS ASTRI
Um mit reichen Händen zu geben,
mußt du mit leeren Händen stehn.
Von den Bäumen, die du gepflanzt hast,
wirst du niemals die Früchte sehn.
Wandern wirst du, ein ewiger Wandrer,
nach einem fernen Sternenbild.
Suchen wirst du in ewiger Sehnsucht,
einer Sehnsucht, die nie gestillt.
Stehen wirst du auf einsamer Höhe,
wie Moses auf einsamer Höhe stand.
Wer sich zum Führer der Menschheit opfert,
schaut nur ferne sein heiliges Land.
Nimm mich auf in deine Einheit,
aller Leben einiges All,
bade rein mich in der Reinheit
deines Meeres von Kristall.
Gib mir jenen Trank zu trinken,
der Vergessenheit verleiht,
laß die Seele sehnend sinken
in den Ring der Ewigkeit -
wo in diamantnen Fernen
Stern um Stern im Äther kreist,
Sternenengel, zu den Sternen
leite meinen ewigen Geist.
Sei verbunden seinem Bunde,
aller Wesenheit geweiht
mit dem Blut aus Seiner Wunde -
künde seines Kelches Kunde,
Rufer in der Einsamkeit.
Werde Träger seiner Male,
Er in dir und du in Ihm.
Einmal in topasnem Saale
neigt sich dir des Grales Schale
aus der Hand der Cherubim.
Einmal wird diese Wanderung enden,
der letzte Schleier der Maja fällt
und der Tod
mit liebenden Bruderhänden
führt dich in die entsiegelte Welt.
Aus deinen irdischen Augen, die starben,
blühn neue, lotosblumengleich,
und schauen erschauernd erahnte Farben
auf der Erde verlassenem Reich.
Dann lenke die Blicke wiedergeboren
ins Violett des Ostens hinaus:
mit goldenen Hallen, topasenen Toren
schaust du der ewigen Heimat Haus.
Verklärt in aller Klarheit Kristallen,
flammt aller Sterne Sterndiadem
mit topasenen Toren
und goldenen Hallen -
die ewige Stadt - Jerusalem.
Es kommt eine Stunde, du Menschenkind,
wo all deine Lampen erloschen sind,
wo all deine glutenden Feuer verglüht,
und all deine duftenden Blumen verblüht,
wo, keiner holden Täuschung vereint,
keine Bande dich binden -
deine Augen, die so viel geweint,
keine Tränen mehr finden.
Es kommt eine Stunde, du Menschenkind,
wo all deine Lampen erloschen sind -
wo kein Leben lockt und kein Lachen lacht
und kein Stern dir leuchtet in deiner Nacht.
Wo selbst dein Tempel, den du geglaubt
in Ewigkeit zu bauen,
dir, seines Hochaltars beraubt,
versinkt in Grab und Grauen.
Es kommt eine Stunde, du Menschenkind,
wo all deine Lampen erloschen sind . . .
Dann ist es Zeit -
Dann geh - ein Bettler im Bettelkleid -
in deiner Seele unnennbare Einsamkeit.
Dann suche dir einsam den eigenen Pfad
die Berge hinauf - bis zum höchsten Grat.
Dort kniee nieder und falte die Hände,
es ist ein heiliger Ort
und sein Name und Wort
ist ohne Anfang und Ende.
Es wird dunkel und einsam um dich sein
und du bist allein . . .
Dort wache und warte, ergeben und still,
wachen mußt du und warten.
Einmal wird es sein,
daß dein Engel dir öffnen darf und will
die Tore zum ewigen Garten.
Einmal wird es sein,
daß überleuchtet vom eigenen Licht
die Sonne über die Berge bricht.
Einmal, einmal wird es sein -
Er tritt zu dir - du bist nicht mehr allein.
Die Sonne ging auf - Jesus Christ -
überleuchtet vom Licht, das ER selber ist.
Schau an die Säulen,
die gen Himmel ragen,
die Tore, die der Isis Namen tragen,
schau an - vielleicht zum letzten Mal.
Noch ruht in deiner Hand die Wahl.
Steigst du als Sieger auf,
fällst du Besiegter nieder -
die Tore, die der Isis Namen tragen,
sie öffnen sich
dem Sterblichen nicht wieder.
Noch stehst du an des Tempels Pforte,
noch denke an die Warnungsworte:
kein Sterblicher hat Isis je enthüllt.
Willst du erschaun
der Göttin wahres Bild,
willst du um ewige Weisheit werben -
ein Lebender mußt du im Leibe sterben.
Bist du bereit, den dunklen Gang zu gehn,
mit deinen Augen
in dein eigenes Grab zu sehn?
Noch bist du nicht im Dunkel und allein.
Noch ist es Zeit.
Noch loh’n die Fackeln und der Sterne Schein
schreibt zitternd blasse Zeichen in den Stein.
Bist du bereit?
- - - -
Im Dunkel liegt das Haus.
Die Tore schlagen zu.
Die Fackeln löschen aus.
Vertrau dem Licht in dir,
dem Gott in deinem Sein,
dann gehst du stark und rein
den Gang durch Grab
und Grauen bis zum Ende
und Tod und Leben
reichen sich die Hände.
Es werde Licht -
und auf des Tempels höchsten Stufen
von Angesicht zu Angesicht
schaust du die Wesenheiten,
die dich schufen,
schaust unter dir zu deinen Füßen
vergangene Leben
aus der Dämmerung grüßen.
Isis entschleiert, Horus ward geboren,
Osiris ist in dir erwacht.
Und neben dir blickt traumverloren
der Sphinx in die gestirnte Nacht.
Ein Käfer
wanderte mühsam im Sand.
Der Pilger Buddhas sah ihm nach,
er schlug das Hakenkreuz mit der Hand
und sprach:
Der Erhabene segne deinen Pfad,
“mein kleiner Bruder im Lebensrad.”
Da kam ein König des Wegs daher,
der den Käfer trotzig zertrat.
Der Pilger
Buddhas sah den König an:
“Du Knabengeist in einem Mann,
“wer ist mehr,
“du oder der Käfer im Staube?
“Hierin ist Weisheit, Liebe, und Glaube.
“Denkst du, daß Brahma dich einst erkennt,
“wenn dich kein Größerer
seinen Bruder nennt?
“Kein Meister bietet dir seine Hand,
“eh du nicht im Kleinsten den Bruder erkannt.
“Hierin ist Weisheit, Liebe, und Glaube.
“Du gekrönter Narr, schau her:
“du und ein Tier im Staube -
“wer ist mehr?
“Gautama nannte es Bruder -
bist du größer als er?”
Der König im
Staub der Straße stand
und der Käfer, die Flügel im Licht gespannt,
flog ins Sonnenland
zu dem, der ihn seinen Bruder genannt.
- - - -
Nur
Bruderhände ziehn dich hinan
Stufe um Stufe zum Devachan.
In den Sinn des Seins zu dringen,
halte in dir selber die Wacht.
Du selber mußt Nacht für Nacht
mit deinem Gotte ringen.
Und wenn sein erstes Sonnenlicht
durch die Nacht deiner Seele bricht
und Er dir in dir selbst begegnet -
lasse Ihn nicht,
eh das E R dich gesegnet.
Jede neue Stufe ins Helle
ist neuer Währung Wert.
Vor ihr mit flammendem Schwert
steht der Hüter der Schwelle.
Vor jeder Stufe wache und bete.
Daß deine Seele rein
den neuen Tempel betrete,
muß sie selber ein Tempel sein.
Bis einst in heiliger Helle
zu ihres Ursprungs klarer Quelle
sich klärt
des Willens wandernde Welle -
hüte mit flammendem Schwert,
hüte uns, Hüter der Schwelle . . .
Mohammeds Lieblingskatze schlief,
gewählt den Mantel
des Propheten sich zum Bette,
daß sie den Meister,
den sie liebte, nahe hätte -
als alle Gläubigen zum Gebete rief
des Wächters Ruf vom Turm der Minarette.
Da dachte der Prophet: von Gottes Throne
ruft das Gesetz zum Beten stark und laut,
doch stark und still verlangt es, daß ich schone
den Schlummer des Geschöpfes, das mir traut.
Das Laute und das Stille sind Gesetze -
wie acht ich beide, daß ich keins verletze?
Er schwankte - und behutsam mit der Hand
zerschnitt der Meister Allahs sein Gewand.
Das Tier schlief weiter in versonnter Ruh,
er aber wandte sich dem Osten zu,
um sich in Demut dem zu neigen,
dem alles heilig und zu eigen.
In jenem Augenblick hat der Prophet
zweifach dem Ewigen geopfert im Gebet:
einmal, als er zu Allah rief
sein Nachtgebet, das allgewohnte,
das zweite Mal, als er den Schlummer schonte
der Katze, die auf seinem Mantel schlief.
Und Allah sprach: “Wer so Gebete beut,
"schreibt Worte in die Welt, die ewig reden.
"Du und das Tier, das du betreut,
"seid beide einst in Gottesgarten Eden."
Ihr Herren und Frauen auf hohlem Thron,
nicht ihr seid die Nächsten zum Gottessohn.
Vergeßt nicht, wer euch zuerst gebracht
die Kunde vom Wunder der Osternacht.
Gehabt euch bescheiden mit eurem Bann
und schlagt es in Kirchen und Herzen an:
die Erste, die den Erstandenen sah,
war Maria von Magdala.
Und wieder ersäuft sich in Tränen und Blut
die Menschheit in der eigenen Flut.
Und wieder treibt sie der Hochmut zu Hauf
und sie richten den Turm zu Babel auf.
Sie schleppen Stein um Stein heran
und beten wie einst zu Ahriman.
Und Tausende taumeln
in Schuld und Schmach,
Verblendete, den Verblendern nach.
Die Menschheit geht
wieder der Finsternis Pfad,
wie immer, bevor sich ein Gott ihr genaht.
Die Steine wanken, der Turmbau fällt . . .
Hüte dich, du ahrimanische Welt!
Die Welt droht dunkel - im Osten ist’s hell -
es steht wieder ein Stern über Israel.
Ihr Wenigen, brennt die Lampen und wacht,
Er wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.
Ihr Wenigen, die ihr Wege weist,
bereitet die Bahn dem kommenden Geist.
Die Welt droht dunkel - im Osten ist’s hell -
es steht ein Stern über Israel.
Nun schwinge dein Schwert, Sankt Michael!
Wie rot und rein die Rose ruht
in ihrer Blätter Schoß
und gießt ihr blühend Rosenblut
ins Licht, begierdenlos -
eins mit dem Weltenwillen - also werde
die Seele auf der Wanderung dieser Erde.
So rosenrein, bis frei von aller Qual,
sie selig blutet in das Blut des Gral.
Nimm einen Sonnenblumenkern und pflanze
ihn in der Erde Mutterschoß
und warte andachtsvoll: er ringt sich los,
ein kleiner Stiel reckt sich im Sonnenglanze
er wächst, wird stark und groß,
umarmt von seiner Blätter grünem Kranze -
bis sich das Ganze
sonnenüberglüht
zur Knospe krönt und eine Blume blüht.
Und in der Blüte, Kern an Kern gereiht,
ruht tausendfältig künftige Wesenheit.
Und pflanzest du die tausend Kerne wieder ein,
es wird dasselbe Bild, dasselbe Gleichnis sein.
In tausend Blüten abertausend Keime senke
die Seele allumfassend - und dann lenke
langsam und rückwärtsschauend
die Gedanken heim und denke:
das alles war im ersten Keim.
Zwischen den
Zeilen des Lebens
Nicht die Dinge, die kommen und eilen,
die Lust und Leid deiner Seele teilen,
sind deines Lebens wahrer Kern.
Er ruht ungreifbar - sinnenfern -
zwischen des Lebens Zeilen.
Tausend Gefahren, die dich umlauert
und die du nie gesehn,
zwischen den Zeilen stehn.
Verlornes, um das du nie getrauert,
Freuden und Leiden, eng verbunden,
die niemals den Weg zu dir gefunden.
Was könnte sein - was wäre gewesen -
steht zwischen den Zeilen des Lebens zu lesen.
In die Zukunft, in ferne Weiten
spinnen sich tausend Möglichkeiten.
Alles ist sinnvoll, nichts war vergebens,
alles ist ineinander gewebt.
Das wahre Leben lebt
zwischen den Zeilen des Lebens.
Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.
Der Schlaf ist heilig.
Wenn die Nacht sich neigt
herab mit ihren
sterngeschmückten Schwingen,
löst sich der Geist vom Leib und steigt
empor zur Heimat, die er nie erreicht,
wenn ihn des Körpers Fesseln zwingen.
Der Schlaf ist heilig.
Sein umflorter Schleier
hüllt das vergängliche in seine Nacht.
Das Geistige in dir erwacht
und rührt die sieben Saiten seiner Leier
allabendlich zur Auferstehungsfeier.
Der Schlaf ist heilig. Heilig halte ihn
als deines Seins verhangne Tempeltüre,
daß er dein ewiges “Ich bin”
allnächtlich zu des Daseins Sinn
aus deiner Tage wirrer Wildnis führe.
Er trägt dich fern von Lust und Qualen,
die du in seinem Schoß vergißt,
in blaue Flammenfernen des Astralen,
in dem sich tausend lichte Farben malen,
in dessen Formen, Wesenheit und Zahlen
dein eigentliches Leben ist.
Er lehrt dich sterben, auferstehen,
im Tag den Trug, im Schlaf das Wachen sehen.
Der Schlaf ist heilig. Bette sanft und sacht
die Seele ein in seinen Engelsarmen
und denke: neben ihm im Allerbarmen
hält Nacht für Nacht
der Tod, sein Bruder, treue Tempelwacht.
Die neunte Stunde hatte geschlagen.
Die Erde bebte, atemberaubt.
Da neigte der Gott, der das Kreuz getragen,
Sein dornengekröntes Haupt.
Aus Seiner Liebe Opferschale,
blutete Sein Erlöserblut.
Wiedergeweiht im heiligen Grale
war alle Schöpfung, die in Ihm ruht.
Wiedergekürt und wiedererkoren
war, was aus tausend toten Toren
dem Tod in die tausend Augen sah.
Die Sonne ward in die Erde geboren
im Mysterium von Golgatha.
Nieder stieg ich zu vergessen,
was ich einst im Licht besaß
und doch nie bewußt besessen,
weil ich es noch nie vergaß.
Durch Vergeß’nes muß ich dringen,
selber muß ich, geistgeweiht,
in Erinnerung erringen
meines Wesens Wesenheit.
Graben muß ich Grabeshügel,
sterben lassen, was erstarb,
bis der Freiheit Flammenflügel
sich mein eignes Ich erwarb.
Bis die Worte in mir reden,
die ich unbewußt gewußt,
bis in mir der Garten Eden
mein wird in der eignen Brust.
Laßt euch helfen, laßt euch halten -
aufwärts zieht der Engel Heer,
vielgestaltige Gestalten,
Mächte, Throne und Gewalten -
aufwärts zum kristallnen Meer.
Aller Mühe, allem Ringen
gibt die heilige Schar Geleit.
Jedes Wesen zu durchdringen,
breitet schirmend seine Schwingen
eine Bruderwesenheit.
Laßt euch helfen, Helferhände
sind euch segnend zugesellt,
schaffen rastlos ohne Ende
eurer Seele Sonnenwende
und die Osternacht der Welt.
Laßt entsiegeln eure Sinne,
werdet Blut von seinem Blut,
daß ihr ruht in Maienminne,
wo im Schoß der Urbeginne
Judas rote Rose ruht.
Alles Leben auf aller Erden
sucht durchsonnt der Sonne Gesicht.
Alles Sein, Vergehn und Werden
ist vergottet in Gottes Licht.
Auf aller Erden alles Leben
reicht sein Leben der Sonne hin -
Geist dem Geist zurückzugeben,
den sieben Elohim im Urbeginn.
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