Der Drache mit dem Kaffeekrug
Eines Tages war ein kleines Mädchen in den großen,
tiefen Wald gegangen, um Beeren zu suchen, und die schönen Beeren hatten es
immer weiter in den Wald hineingelockt, so daß es Abend wurde, als sich das kleine
Mädchen darauf besann, heimzukehren. Die Dämmerung spann ihre seltsamen
Schatten um die Kronen der Tannen, und aus der Ferne sang die Glocke der
Dorfkirche das Ave-Maria. Da erschrak das kleine Mädchen und beschloß, eilig
heimzugehen. Aber es hatte so viele Umwege gemacht und sich so weit von der
sicheren Straße entfernt, daß ihm nur ein einziger gerader Weg übrigblieb, den
es gehen mußte, wenn es vor Einbruch der Nacht noch zu Hause sein wollte. Doch
an diesem Wege lauerte der Drache, und das kleine Mädchen wußte das, und es
wußte auch, daß Menschen und Tiere diesen Weg vermieden, wenn sie nur irgend
konnten. Im Walde allein zu nächtigen, war ihm aber zu grauenvoll, und es
fürchtete auch, daß die Eltern sich sorgen würden, und so beschloß es, den Weg
zu gehen, an dem der Drache lauerte, und es bat seinen Schutzengel, es zu
behüten und gut nach Hause zu geleiten.
Kaum aber hatte das kleine Mädchen diesen Gedanken
gehabt, so stand sein Schutzengel neben ihm.
„Guten Abend“, sagte er, „das ist der Weg, an dem
der Drache lauert.“
„Das weiß ich“, sagte das kleine Mädchen, „ich weiß
auch, daß er sehr unfreundlich ist und Menschen und Tiere verspeist und daß er
Gift spuckt und Feuer pustet. Das ist nicht schön, aber ich muß den Weg gehen,
sonst komme ich zu spät nach Hause. Ich habe mir auch gedacht, daß du mich
schon behüten wirst.“
„Das werde ich gewiß tun“, sagte der Engel, „ich
werde gut aufpassen, und der Drache wird dich nicht fressen können. Aber sehen
wirst du ihn auf diesem Wege, und er wird dich erschrecken. Darum wäre es mir
lieber, wenn du einen anderen Weg gehen würdest.“
„Ich möchte aber gerne vor der Nacht zu Hause sein,
und wenn du mich behütest, wird es schon gehen“, sagte das kleine Mädchen, „vielleicht
ist der Drache auch gerade spazierengegangen, und ich sehe ihn gar nicht.“
„Das sagen viele, wenn sie einen Drachenweg gehen“,
meinte der Engel, „aber der Drache ist nicht spazierengegangen, er sitzt, wo er
immer sitzt, und du wirst ihn sehen müssen.“
„Das ist sehr schauerlich", sagte das kleine
Mädchen, »was soll ich da bloß machen?“
„Du mußt an deinen Engel denken und darfst keine
Angst haben“, sagte der Engel, „siehst du, mein Kind, mit den Drachen ist es
so, daß man keine Angst vor ihnen haben darf, und wenn man keine Angst hat,
dann werden sie ganz klein, und es nützt ihnen auch gar nichts, daß sie Gift
spucken und Feuer pusten.“
„Das will ich versuchen, ich werde an dich denken
und will keine Angst haben“, sagte das kleine Mädchen und wanderte tapfer mit
seinem Korbe den Weg ins Tannendunkel hinein.
Der Engel verschwand vor den Augen des kleinen
Mädchens.
Aber in Wirklichkeit blieb er da, er ging nur
hinter dem kleinen Mädchen den gleichen Weg, denn es war ja sein Schutzengel.
Es dauerte gar nicht lange, so hörte das kleine
Mädchen in einer sehr lauten und unmanierlichen Weise husten und niesen. Das
war der Drache, der Gift spuckte und Feuer pustete, und als das kleine Mädchen
um eine dunkle Felsenecke bog, sah es den Drachen mit einem Male leibhaftig vor
sich sitzen. Der Drache sah wirklich gräßlich aus, mit seinem riesigen langen
Leib lag er auf dem Boden und schlug die Erde mit dem grünlichen
Schuppenschwanz. An seinen kurzen, krummen Tatzen waren schreckliche Krallen,
und spitze Dornen an seinen gezackten Flügeln, er spuckte Gift aus seinem
Rachen und pustete Feuer aus seinen Nasenlöchern, und um ihn herum lagen lauter
Knochen. Es war wirklich scheußlich.
Das kleine Mädchen erschrak sehr, aber es dachte an
seinen Schutzengel und versuchte keine Angst zu haben, obwohl ihm das nicht so
gut gelingen wollte.
„Es ist nicht schön, wie du dich benimmst“, sagte
das kleine Mädchen, „laß mich vorübergehen.“
„Das werde ich nicht tun“, sagte der Drache und
legte sich gerade vor den Weg, den das kleine Mädchen gehen mußte.
Ich will ein bißchen mit ihm reden, dachte das
kleine Mädchen, vielleicht wird er dann netter und läßt mich vorbei. Er darf
mir ja auch nichts tun, weil es mein Engel gesagt hat.
„Sage mal, warum ißt du Menschen und Tiere?“ fragte
das kleine Mädchen. „Ist das denn schön, wenn alle dich fürchten? Ich möchte
nicht so leben. Kannst du nicht Kartoffelsuppe essen? Du brauchst den Kochtopf
doch bloß auf deine Nasenlöcher zu stellen, und in einer halben Stunde ist die
Suppe gar. Du hast nicht einmal die Mühe, die wir damit haben.“
„Kartoffelsuppe?“ fragte der Drache und lächelte
dabei in einer greulichen Weise, so daß er all seine spitzen Zähne zeigte, von
denen einer genügt hätte, das kleine Mädchen zu zerreißen.
Kartoffelsuppe hatte ihm noch niemals jemand
angeboten.
„Ja, Kartoffelsuppe“, sagte das kleine Mädchen, „Kartoffelsuppe
ist etwas sehr Schönes. Es ist sehr dumm von dir, wenn du das nicht magst. Du
kannst auch Kaffee trinken und Zwieback dazu essen. Ich will dir von meinem
Kaffee und meinen Zwieback geben. Ich habe noch Kaffee in meinem Krug und
Zwieback in meinem Korbe. Ich stelle dir beides hin, und du darfst essen. Aber
du mußt mich vorüberlassen.“
„Ich werde dich auffressen“, sagte der Drache.
„Untersteh dich“, sagte das kleine Mädchen, „das
darfst du gar nicht tun, das wird dir mein Engel niemals erlauben.“
„Ich werde deinen Engel nicht fragen“, meinte der
Drache.
Am Ende fragt er wirklich nicht, dachte das kleine
Mädchen und bekam nun doch große Angst.
„Sieh, wie ich mit den Flügeln schlage“, rief der
Drache, „ich packe dich und zerreiße dich in der Luft.“
„Du kannst ja gar nicht richtig fliegen“, sagte das
kleine Mädchen, „um richtig in die Sonne fliegen zu können, muß man ein Vogel
sein oder ein Engel mit silbernen Schwingen. Deine Flügel sind viel zu kurz, um
in die Sonne zu fliegen, die sind bloß so da und nicht einmal schön.“
Das Herz schlug dem kleinen Mädchen wie ein Hammer
in der Brust, aber es wollte nicht zeigen, daß es Angst hatte, denn das hatte
der Engel ihm so gesagt.
„Sieh, wie ich mit den Tatzen den Boden stampfe“,
sagte der Drache, „ich mache nur einen einzigen Satz, und du bist in meinen
Krallen.“
Da preßte das kleine Mädchen beide Hände aufs Herz
und rief nach seinem Schutzengel. Kaum aber hatte es das getan, als es den
ganzen Wald voller Licht sah. Und vor ihm stand sein Schutzengel, und um den
Schutzengel herum standen lauter andere Engel mit Schwertern aus blauen Flammen
in den Händen, und damit versperrten sie dem Drachen den Weg. Da war die ganze
Angst des kleinen Mädchens verflogen, und der große Drache kam ihm mit einem
Male sehr klein und sehr lächerlich vor, so ungefähr wie ein Dackel.
„Ach, du mit deinen Dackelbeinen“, rief es, „du
bist ja zu dumm! Siehst du denn nicht, daß lauter Engel um mich herumstehen und
dir den Weg versperren? Wie willst du denn da herankriechen, um mir etwas zu
tun? Trinke lieber Kaffee und iß Zwieback.“
Als das kleine Mädchen das gesagt hatte,
verschwanden die Engel, und das Licht im Walde erlosch wieder. Der Drache aber
war ganz klein geworden. Er hatte sich an den Krug des kleinen Mädchens gesetzt
und trank daraus und stippte Zwieback in den Kaffee. Er sah jetzt auch wirklich
beinahe aus wie ein Dackel, und das kleine Mädchen mußte lachen.
„Schmeckt es dir?“ fragte das kleine Mädchen, „der
Kaffee ist leider kalt geworden, aber du brauchst ja bloß einmal aus deiner
Nase ein bißchen Feuer hineinzupusten, dann wird er wieder warm.“
Das tat der Drache, und als er fertig war, nahm das
kleine Mädchen seinen Krug und seinen Korb wieder auf, sagte dem Drachen guten
Abend und ging nach Hause.
Die Glocke der kleinen Dorfkirche sang noch immer
das Ave-Maria, denn es war nur eine ganz kleine Weile gewesen, daß das kleine
Mädchen mit dem Drachen geredet hatte. Und das ist immer so bei allen
Erlebnissen, die zwischen dieser und jener Welt liegen. Menschen und Tiere im
Walde aber waren von nun an von diesem Drachen errettet, denn er blieb klein
wie ein Dackel und aß nur noch Kartoffelsuppe.
Es gibt so manche Wege im Leben, die an einem
Drachen vorbeiführen, und sehr oft sind es die Wege, die am allergeradesten
nach Hause führen. Das kleine Mädchen aber hatte nun keine Angst mehr davor,
und es erzählte diese Geschichte überall.
„Wenn man einem Drachen begegnet“, sagte es, „dann
muß man an seinen Engel denken und darf keine Angst haben. Dann wird der Drache
auf einmal ganz klein. Er setzt sich sanft und sittsam auf seine Dackelbeine
und stippt Zwieback in den Kaffee.“
Und das, was das kleine Mädchen sagte - das ist wahr.
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