Das andere Ufer
Es war einmal ein Sammler, der sammelte allerlei
Seltsamkeiten aus fernen Ländern. Er sammelte auch alltägliche Dinge, aber dann
hatten sie einen besonderen Sinn und ihre besondere Geschichte. Diese
Geschichte der Dinge verstand der Sammler zu lesen, wie wenige es verstehen,
denn es ist keine leichte Kunst. So saß er Tage und Nächte unter all seinen
Seltsamkeiten und las ihre Schicksale, und er wußte, daß es Menschenschicksale
waren, die daran hingen. Wie ein breiter Fluß flutete das arme verworrene
Menschenleben um ihn herum, er stand an seinem Ufer und schaute mit
erkenntnisreichen Augen, wie Welle um Welle an ihm vorüberzog.
Aber er wußte auch, daß ihm noch etwas fehlte: Er
wußte, daß das menschliche Leben, in dem er soviel gelesen hatte, nicht nur das
eine Ufer haben konnte, auf dem er stand und es betrachtete. Er wußte, daß es
auch ein anderes Ufer haben mußte, und das andere Ufer suchte er - wie lange
schon! Aber er hatte es nicht gefunden. Einmal aber hoffte er es bestimmt zu
finden. Er suchte in allen Läden aller Städte, ob er nicht ein Ding finden
würde, das ihm etwas vom anderen Ufer erzählen könne. Er war ja sein Leben lang
ein Sammler und Sucher gewesen und hatte viel Geduld gelernt.
So kam er einmal in einer fernen Stadt im Süden in
einen sehr merkwürdigen Laden. Der Laden war ein richtiger Kramladen des
Lebens, denn es waren wohl alle Dinge darin vertreten, die man sich im
menschlichen Leben nur denken konnte, von den seltsamsten Kostbarkeiten herab
bis zu den geringsten Alltäglichkeiten. Und alle Dinge hatten, so wie es sich
gehört, ihre eigene Geschichte.
Der Sammler besah sich alle die vielen Dinge mit
großer Sachkenntnis. Manches gefiel ihm sehr, und manches hätte er gerne
gekauft, aber irgendwie erinnerte es ihn doch an etwas, was er schon einmal
erworben hatte.
„Dies ist wohl die seltsamste Sammlung der Dinge vom
menschlichen Leben, die ich je gesehen habe“, sagte der Sammler, und da der
Händler ihm kein gewöhnlicher Händler zu sein schien - denn er hatte etwas
Stilles und Feierliches in seinem Wesen -, so fragte er ihn, ob er nicht etwas
habe, was vom anderen Ufer erzählen könne.
Der Händler war auch wirklich kein gewöhnlicher Händler.
Er wußte zu gut, wieviel Leid und Tränen manche Dinge, die die Menschen bei ihm
um teuren Preis erstanden, denen bringen mußten, die sie mit einer Inbrunst
erwarben, als hinge ihr ganzes Leben davon ab. Es kam nicht oft vor, daß einer
den richtigen Gegenstand bei ihm verlangte. Als nun der fremde Sammler den Händler
nach dem anderen Ufer fragte, da lächelte der Händler und reichte ihm eine
kleine Lampe von unscheinbarer Form, doch von sehr sorgfältiger Arbeit. Die
Lampe aber brannte schon mit einer schönen bläulichen Flamme und brauchte nicht
erst entzündet zu werden.
„Diese Lampen stellt man nirgends aus“, sagte der
Händler, „man gibt sie nur denen, die nach dem anderen Ufer fragen.“
„Erzählt mir denn diese Lampe etwas vom anderen Ufer?“
fragte der Sammler und betrachtete die Lampe mit aufmerksamen und erstaunten
Blicken, denn er hatte so etwas noch nicht in seiner Sammlung, und er hatte es
bisher auch nirgends gesehen.
„Vom anderen Ufer darf dir die Lampe nichts erzählen“,
sagte der Händler, „zum anderen Ufer mußt du selber wandern, aber die Lampe
wird dir leuchten und dir den Weg zum anderen Ufer weisen.“
Da dankte der Sammler dem Händler und fragte ihn, was
er ihm für die Lampe zu zahlen habe.
„Ich habe viele Gegenstände in meinem Laden, die man
um billigen Preis erstehen kann“, sagte der Händler, „ich habe auch manche
darunter, die um ein Königreich nicht zu haben sind. Aber die kleine Lampe, die
du in der Hand hast, kostet nichts für den, der nach dem anderen Ufer fragte.
Es ist deine eigene Lampe, und es ist eine ewige Lampe, und sie wird dir den
Weg zum anderen Ufer weisen.“
Da wurde der Sammler ein Wanderer. Er ließ alle die
vielen seltsamen Dinge, die er bisher gesammelt hatte, hinter sich und wanderte
dem Licht seiner ewigen Lampe nach, das andere Ufer zu suchen.
Er sah viel Schönes auf seinem Wege, das er früher
nicht gesehen hatte. Er sah, wie die Steine sich regten und formten, er schaute
in die Träume der Blumen, und er verstand die Sprache der Tiere. Allmählich
aber wurde der Weg des Wanderers immer einsamer und verlassener, er stand
allein in einer Einöde, und vor sich erblickte er sieben steile, felsige Berge.
Die Lampe warf ihren Lichtschein auf seinen Weg, und sie zeigte ihm an, daß er
alle die sieben Berge besteigen müsse. So bestieg er alle sieben Berge, und von
jedem Berge hoffte er das andere Ufer zu sehen, aber er sah es nicht. Ein
eisiger Neuschnee lag auf allen sieben Gipfeln. Mitten aber im Schnee blühte
eine rote Rose, leuchtend wie ein Rubin. Die pflückte der Wanderer und nahm sie
mit sich auf den Weg.
Als er nun alle sieben Berge bestiegen hatte und sich
ihre sieben Rosen zum Kranz geholt hatte aus dem eisigen Neuschnee der Gipfel,
da stand er vor einem dunklen Tor. Der Torhüter trat auf ihn zu und fragte ihn,
was er wolle.
„Ich suche das andere Ufer“, sagte der Wanderer.
„Was führst du mit dir auf deinem Weg?“ fragte der Torhüter.
„Sieben rote Rosen und meine ewige Lampe“, sagte der Wanderer.
Da ließ ihn der Torhüter in das dunkle Tor eintreten.
„Es ist ein langes und dunkles Tor“, sagte der
Torhüter, „du mußt bis an sein Ende gehen, dann kommst du an das Meer der
Unendlichkeit.“
„Ich will nicht an das Meer der Unendlichkeit“, sagte
der Wanderer, „ich suche das andere Ufer. Das Meer der Unendlichkeit aber ist
uferlos.“
„Du mußt warten, bis die Sonne aufgeht, dann wirst du
das andere Ufer sehen“, sagte der Torhüter.
Da ging der Wanderer durch das lange dunkle Tor
hindurch und setzte sich am Meer der Unendlichkeit nieder, denn er war sehr
müde geworden von seiner Wanderung. Das Meer der Unendlichkeit brandete zu
seinen Füßen, und über seinen wilden Wellen und dem einsamen Wanderer an seinem
Gestade stand die gestirnte Nacht. Der Wanderer aber wartete und wachte bei
seiner ewigen Lampe die ganze Nacht, und es war eine so lange Nacht, daß er
dachte, sie wolle gar kein Ende nehmen.
Endlich verblaßten die Sterne, die brandenden Wellen
wurden still und klar, und über ihnen ging die Sonne auf. Im Lichte der
aufgehenden Sonne aber tauchte eine leuchtende Insel mitten aus dem Meer der
Unendlichkeit empor.
Da erkannte der Wanderer, daß es das andere Ufer war,
das er gesucht hatte. Über das dunkle Tor kam eine Taube geflogen und zeigte
dem Wanderer den Weg zur Insel, und er schritt über das Meer der Unendlichkeit
so sicher wie auf klarem Kristall hinüber zum anderen Ufer.
Vom anderen Ufer aber darf ich euch nichts weiter
erzählen, so wenig als es die Lampe getan hat. Zum anderen Ufer muß ein jeder
selber wandern im Licht seiner eigenen ewigen Lampe.
Denn das Märchen vom anderen Ufer ist ein Märchen der Wanderer.
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