Die
Begegnung Richard Hohlys mit Manfred Kyber
Richard Hohly, anthroposophischer Künstler, geboren 1902 in Löwenstein, schildert seine Begegnungen mit Manfred Kyber. Hohly fertigte auch ein Portrait von Kyber. Hotel und Gastwirtschaft Hohly extistieren heute noch in Löwenstein.
1923 kam der baltendeutsche Dichter und Schriftsteller Manfred Kyber, der durch seine Tiergeschichten bekannt geworden war, nach Löwenstein. Er hatte in Berlin und Moskau studiert, er war ein außerordentlich feinsinniger und höflicher Mensch. Dieser letzteren Eigenschaft verdankt er es, daß ihn die Bolschewiki 1917 nicht umgebracht haben. Er erzählte, daß er gerade am Schreibtisch gesessen sei, als einige schwerbewaffnete Bolschewisten in sein Landhaus einbrachen und plötzlich vor ihm standen. Er forderte sie höflich auf, Platz zu nehmen und sich mit Zigaretten zu bedienen. Diese Haltung muß die Soldaten derart "entwaffnet" haben, daß sie ihren Auftrag nicht ausführten.
Kyber, der danach zuerst als freier Schriftsteller in Berlin lebte und dann als Theater-Kritiker vorübergehend in Stuttgart sein Brot verdiente, wählte Löwenstein zu seiner neuen Heimat. Dort lebte er recht bescheiden in einer Dachwohnung und aß zu Mittag im Gasthaus meiner Eltern. Wenn das Wetter es zuließ, führte sein täglicher Spaziergang zum Grab der Seherin von Prevorst, dorthin, wo er selbst später zur letzten Ruhe gebettet wurde. Seine Grabstätte liegt unmittelbar neben derjenigen der Friederike Hauffe, über deren merkwürdigen Gesichte dereinst Justinus Kerner Niederschriften gemacht hat. Kyber hielt nach dem Kriege die ersten Vorträge über Okkultismus in der Volkshochschule in Stuttgart. Die Seherin war ein "okkultes" Rätsel, das ihn anzog. Dazuhin besaß Löwenstein, in dessen Umgebung die Seherin gelebt hat – Prevorst liegt anderthalb Stunden entfernt, und als Kind war Friederike zumeist bei ihren Großeltern Schmidgall in Löwenstein – eine eigenartige Atmosphäre der "geistigen Anstrengung". Diese zog an die Grenze, die das Okkulte berührt. Das hat auch Manfred Kyber gespürt.
Das Ehepaar Kyber bekam sehr viel Besuch, seine Gäste wohnten ebenfalls bei meinen Eltern; und so kam es, daß ich sehr viele interessante Menschen kennenlernte, die sich mit okkulten Problemen beschäftigten. Unter den Freunden Kybers waren auch einige Anthroposophen; zumindestens Elisabeth Kyber (geb.v.Boltho) stand der anthroposophischen Gesellschaft nahe. Kyber legte aber immer Wert auf die Feststellung, daß seine übersinnlichen Erkenntnisse auf eigener Wahrnehmung beruhten. So hatte ich interessante Gespräche mit ihm.
(Aus: Richard Hohly. Leben und Werk. Einführender Text von Dorothea Rapp. Stuttgart, Freies Geistesleben 1980, EA. (S.155-157) )
Quelle: manfred-kyber.de
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